Glaube und Theologie

Haben Sie sich auch schon gefragt, wie man einem nicht wissenschaftlichen Buch glauben kann? Die Bibel wird doch mit Recht ständig in Frage gestellt. Im neuen Testament gibt es sogar vier verschiedene Evangelienberichte! Alles höchst fragwürdig. Vom 27. bis 29. Dezember liefern wir in drei aufeinanderfolgenden Artikeln auf einige Vorwürfe Antwortmöglichkeiten — mit Hinweisen zu Autoren, weiterführender Literatur, Online Videos, oder DVDs – für alle die es noch genauer wissen möchten. Natürlich können auch drei Artikel diesem komplexen Thema Bibel nicht gerecht werden. Die folgenden Antwortversuche sollen stattdessen dazu dienen, den Glauben an die Zuverlässigkeit der Bibel neu zu entfachen und den Appetit nach mehr Information zu den Themen anzuregen 

Wie alt ist die Bibel überhaupt?

Wie alt die Bibel ist, hängt zunächst von der Interpretation der Frage ab. Die Bibel ist eine Sammlung von Büchern, die über einen Zeitraum von maximal 1600 Jahren geschrieben wurde (ca. 1500 v.Chr. bis 100 n.Chr.). Auf diese Zahl kommt man, wenn man daran glaubt, dass die Bibel selbst zuverlässig Auskunft über ihr eigenes Alter gibt. Das bedeutet, die offizielle Geschichtsschreibung hat mit Mose als Autor begonnen. Sehr bibeltreue Auslegungen kommen auf ein ungefähres Auszugsdatum (Israeliten die aus Ägypten ausziehen – Exodus) von 1446 Jahren v.Chr. (ausführlicher dargestellt im Film „Patterns of Evidence“). Damals war Moses 80 Jahre alt. Geht man davon aus, dass er seine Offenbarung zur „Vätergeschichte“, also das „1. Buch Mose“, schon vor dem Auszug (vor seiner Rückkehr nach Ägypten) geschrieben hat, ergibt sich entsprechend ein Beginn biblischer Geschichtsschreibung von ca. 1500 Jahren v.Chr. Damit wäre „die Bibel“ heute über 3500 Jahre alt.

Auf ein anderes Datum kommt, wer mit der Bibel „die aktuelle Ausgabe“ meint – also eine vollständige Ausgabe des Alten und Neuen Testaments (66 Bücher/Schriften), wie man sie heute kennt. Das Buch (Codex), also die Zusammenbindung der vielen Schriften, musste erst erfunden werden. Wann entstand also „die heutige Bibelfassung“? Spätestens im 4 Jh. n.Chr. Aus dieser Zeit ist von Kirchenvater Athanasius, dem Bischof von Alexandria (367 n.Chr. sein 39. Osterbrief) eine Liste aller Bücher des NT in genauer Anzahl und Reihenfolge erhalten (der AT Kanon war spätestens 200 v.Chr. abgeschlossen und wurde nach und nach ins Griechische übersetzt – die sog. Septuaginta – und von den ersten Christen übernommen). Es gibt auch ältere, bis heute erhaltene Verzeichnisse eines NT-Kanons der Bibel, doch diese entsprechen noch nicht in allen Einzelheiten der heutigen Sammlung. Davon ausgehend, wäre die „heutige Bibel“ knapp 1700 Jahre alt.

Achtung Stolperfalle

Doch Achtung, hier gibt es eine „Stolperfalle“. Genau dieser Rechnung (siehe oben) sind falsche Datierungen zu verdanken. Die Tatsache, dass sich praktisch die gesamte damalige Christenwelt darauf „geeinigt“ hat, die bis heute noch anerkannten Schriften (Matthäus bis Offenbarung) als ein Gesamtwerk in einem Buch zusammen zu fassen, bedeutet nicht, dass diese Schriften erst 300 Jahre nach Christus geschrieben wurden. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Es wurden nur die Schriften anerkannt, die von den Aposteln (Apostolizität – siehe unten) selbst verfasst wurden und entsprechend in allen Gemeinden der damaligen Welt bereits zehnfach und hundertfach verbreitet und gelesen wurden – also lange bevor sich die Entscheidung durchsetzte, dass diese Schriften als Ganzes in einem Buch zusammengefasst werden sollten.                                                                      

Was ist ein Kanon?

Kanon bedeutet so viel wie Maßstab. In diesem Fall handelt es sich um den Maßstab, der letztlich entschieden hat, welche Schriftrollen zum Neuen Testament anerkannt wurden und welche nicht. Wer hatte hier ein Wahlrecht? Dr. Peter Williams, Tyndale House Cambridge, hat dazu folgendes gesagt: „Wer fragt, wer die Bücher ´gewählt´ hat, die in die Bibel kommen, der unterstellt mit dieser Frage gleichzeitig, dass überhaupt eine ´Wahl´ stattgefunden hat. Das ist so, als würde man fragen, wer hat den Gewinner des Marathons ´gewählt´. Die Antwort lautet natürlich: Niemand hat den Gewinner des Marathons ´gewählt´, sondern der Gewinner ist derjenige, der das Rennen als erster gemacht hat.“ (Vollständiges Originalzitat: DVD „Discovering Real Questions”)

Welcher Maßstab wurde angewendet?

Apostolizität: Der Autor musste bekannt und anerkannt sein, „ein Apostel sein“ – Pseudepigraphien wurden nicht zugelassen (z.B. das sog. „Thomas-Evangelium“, obwohl der Jünger Thomas nicht der Autor war).

Kanonizität: Die Lehren der Schriften mussten zwingend übereinstimmen (Beispiel: „Thomas-Evangelium“ stimmte in seiner Lehre nicht überein mit den anderen Schriften, wurde darum abgelehnt).

Katholizität: Die Schriften mussten bereits in allen christlichen Gemeinden bekannt sein und öffentlich gelesen und gelehrt werden (siehe innerste Schnittmenge Darstellung unten).

Dieser Maßstab war ebenfalls keine Entscheidung irgendeines Gremiums, sondern ergab sich in „natürlichem Einverständnis“ über die drei höchsten Werte die eine Schrift erfüllen konnte.

Warum sind manche in der Bibel und andere nicht?

Im 4. Jh. n.Chr. hatte sich das Christentum bereits sehr weit ausgebreitet und von den Schriften der Apostel gab es überall genaue Kopien, teils zehnfach bis hundertfach (absolut einmalig in der ganzen Antiken Geschichte), denn jede Gemeinde wollte selber eine Abschrift der vier Evangelien und der Apostelgeschichte haben (die am meisten verbreiteten Schriften). Gleiches galt für die Briefe des Paulus, Johannes, Petrus und der Brüder Jesu (Jakobus und Judas).

Diese Schriften waren gewissermaßen die „Klassiker“, die wirklich jeder Christ kannte. Zum Vergleich kann man sich das so vorstellen wie: „Jane Austen: Stolz und Vorurteil“ oder „Karl May: Winnetou“. Selbst Menschen, die diese Bücher nicht selber gelesen haben, kennen sie doch. Genau das traf auch auf die Schriften (Matthäus bis Offenbarung) zu. Es ging entsprechend nie darum, dass man plötzlich eine einzelne Schriftrolle fand und irgendein auserlesenes Gremium dann darüber brütete und überlegte, ob diese Schrift authentisch, also autoritativ sei oder nicht. Die „heutigen“ Schriften der Bibel waren die, die von Anfang an „das Rennen“ gemacht hatten. Das bedeutet, diese Schriften standen nicht ernsthaft zur Diskussion, auch wenn oft das Gegenteil behauptet wird.

Das Problem war, dass es neben den „Klassikern“ noch viele andere Schriften gab – zum Teil verfasst von Kirchenvätern, aber auch von falschen Aposteln. Diese Schriften galt es auszusortieren. Man darf sich das an einem vereinfachten Beispiel folgendermaßen vorstellen: Es kam ein Bischof aus einer Gemeinde in Syrien, einer aus einer Gemeinde in Frankreich und einer aus Rom. Alle drei hatte sehr unterschiedliche Ansichten. Alle drei brachten eine Sammlung von Schriften mit. Das hätte ungefähr so ausgesehen: