/ Wort zum Tag

Verloren

Wolfgang Ortmann über Lukas 15,5.

Wenn er das verlorene Schaf gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.

Lukas 15,5

Es liegt schon viele Jahre zurück, aber ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen. Bei einer Bergwanderung mit Jugendlichen in den Schweizer Bergen ist uns ein Teilnehmer verloren gegangen.

Nach einer wunderschönen Bergtour erreichten wir am Nachmittag wieder unsere Unterkunft. Plötzlich stellte sich heraus, dass ein Jugendlicher nicht mit zurückgekehrt war. Fieberhaft versuchten wir herauszufinden, wer den Vermissten wann zuletzt gesehen hatte. Aber das war leider nicht eindeutig festzustellen.

Ein Mitarbeiter blieb bei der Gruppe in der Unterkunft. Die anderen Mitarbeiter gingen den Weg zurück, den wir genommen hatten. Die Bergwacht wurde informiert und ein Hubschrauber überflog das Gebiet, durch das wir gewandert waren.

Aber der Vermisste war nicht zu finden. Die Anspannung und die Sorge wurden bei uns allen fast unerträglich. Die einsetzende Dämmerung machte die Suche für die Bergwacht und uns alle immer schwieriger. Noch einmal stieg ich den Forstweg, den wir benutzt hatten, bis zu einem Waldrand hinauf. Plötzlich kam der Vermisste unter den Bäumen hervor auf mich zu.

Wie froh war ich, ihn zu sehen. Er war völlig unversehrt. Natürlich fragte ich ihn, was passiert sei. An einem Aussichtspunkt an der Baumgrenze, an dem wir am Nachmittag Halt gemacht hatten, war er einfach zurückgeblieben. Er wollte ein bisschen allein sein und den herrlichen Blick auf die Berge genießen.

Und je länger er ganz entspannt erzählte, wurde ich immer wütender. Wir gingen zurück in unsere Unterkunft. Die Bergwacht wurde wieder informiert, und in der Gruppe breitete sich eine Mischung aus Freude und Unverständnis aus.

Heute werden wir durch das Lukasevangelium auf ein Gleichnis aufmerksam gemacht, das Jesus erzählt hat. Ein Schäfer stellt fest, so lesen wir es in dem Gleichnis, dass ein Schaf in seiner Herde fehlt. Er lässt die ganze Herde alleine zurück, um das verlorene Schaf zu suchen.

Und dann steht in Lukas 15, Vers 5: „Wenn er das verlorene Schaf gefunden hat, so legt er sich´s auf die Schultern voller Freude.“

Jesus spricht von sich selbst in diesem Gleichnis. Er vergleicht sich mit dem Hirten. Und es bewegt mich sehr, dass sich der Hirte über das verlorene und wiedergefundene Schaf einfach nur freut.

Und wenn wir jetzt auf den Sinn hinter diesem Gleichnis schauen, dann hören wir aus dieser Geschichte heute: Jesus geht jedem nach, der die Gemeinschaft mit ihm verloren hat und freut sich einfach nur über jeden, der sich in die Verbundenheit mit ihm hineintragen lässt.

Bei Jesus ist kein Vorwurf, schon gar keine Wut - wie bei mir damals, als der verlorene Jugendliche wieder auftauchte. Jesus ist nicht böse auf uns wegen unserer Eigensinnigkeiten, unseres Fehlverhaltens, unserer Schuld. Kurz gesagt, er hält uns nicht vor, was uns auf Distanz zu ihm gebracht hat. Er freut sich einfach nur, wenn wir mit ihm zusammen sind.

Bei Jesus ist Verzeihung und Vergebung und Freude. Liebevoll tut er alles dafür, dass wir auch heute die Gemeinschaft mit ihm erfahren. Darum will ich Jesus bitten, mir zu vergeben und mich in seine Arme zu nehmen.



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Kommentare

Von Vera am .

Bei Ihrem Erleben und dem Bibeltext bekomme ich zwei Dinge nicht zusammen: Der Jugendliche hatte die Regeln verletzt und damit sich und andere in Gefahr gebracht. Wenn dies kein Grund ist, wütend zu werden?! Und wie reagiert der zwölfjährige Jesus im Tempel, als Maria sagt: Wir haben dich mit Schmerzen gesucht?


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