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Heilige

Luitgardis Parasie über Epheser 1,4.

In Christus hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe.

Epheser 1,4

Meine erste Pfarrstelle hatte ich in einem ganz kleinen Dorf. Jeder kannte unsere drei Kinder. Und manchmal wurde unser Sohn im Schulbus von älteren Jugendlichen verhöhnt: „Guckt mal, da ist der Heilige.“ Weil er der Sohn der Pastorin war, zu ihrer Familie gehörte? Er verstand das nicht, und es war für ihn schwer auszuhalten.

Was bedeutet heilig? Zuallererst ist Gott heilig: „Heilig bist du, Gott Zebaoth“, wird oft vor dem Abendmahl gesungen. Heilig sind auch die Menschen, die an Gott glauben. Sie gehören zu Gottes Familie. Gottes Heiligkeit färbt sozusagen auf sie ab. Im Glaubensbekenntnis sprechen wir deshalb von der „Gemeinschaft der Heiligen“.

Dass wir heilig sind, das war von Anfang an Gottes Plan für uns. So heißt es im Epheserbrief: In Christus hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe. Heilig – durch Christus. Durch den Kontakt zu ihm. Also: Alle gläubigen Christen sind Heilige.

Und der Kontakt zu Gott, der motiviert und befähigt oft auch zu besonderen Aufgaben. Vorbilder, wie etwa Mutter Theresa, die sich in Indien um die Allerärmsten kümmerte. Von einem eher unbekannten Heiligen habe ich neulich erst gehört: Pater Damian de Veuster. Er wurde am 3. Januar 1840 in Flandern geboren und lebte später auf einer Insel Hawaiis. Dort gab es einen streng abgetrennten Teil, auf den man Leprakranke verbannt hatte, damit sie niemanden anstecken konnten. Damals war Lepra = Aussatz noch nicht heilbar. Pater de Veuster kümmerte sich um die Leprakranken, um die alle einen weiten Bogen machten. Hatte er keine Angst, sich anzustecken?

Nun muss man wissen - und wer als wir, die Corona-Generation, kann das besser nachvollziehen: Die körperlichen Beschwerden eines Aussätzigen sind nicht die einzigen. Hinzu kommt die Einsamkeit. Niemand will mit dir zu tun haben. Alle haben Angst und machen einen Bogen um dich. Du bist in lebenslanger Quarantäne.

Pater Damian half den Aussätzigen so gut er konnte. „Ihr Aussätzigen“, so fingen seine Predigten oft an, „ihr sollt wissen, dass ihr von Gott geliebt seid! Dass ihr nicht vergessen seid.“ Manchmal hat er Hände geschüttelt oder sogar einen umarmt.

14 Jahre predigte Pater de Veuster auf seiner Insel. Er errichtete eine Krankenstation und natürlich eine Kirche. Er tröstete und half, wo er konnte. Und immer wieder predigte er: „Ihr Aussätzigen“.

Und dann verschwand er. Tage-, wochenlang. Eines Tages war er wieder da. Er sah blasser aus als sonst. Sein Gesicht war eingefallen.

Es war Sonntag. Die Leprakranken kamen in die Kirche. Pater Veuster begann seine Predigt, fast wie immer. Der Unterschied war klitzeklein und doch riesengroß. Pater Damian de Veuster begann seine Predigt diesmal nicht mit den Worten „Ihr Aussätzigen…!“, sondern mit: „Wir Aussätzigen...“

Der Rest seiner Predigt ging im Lärm unter. Die Leute klatschten und schrien, sie weinten und beteten. Mehr als diese beiden Worte: „Wir Aussätzigen...!“ brauchte Pater Veuster nicht zu sagen.

Sein Schicksal fand weltweit Beachtung und setzte Initiativen zum Kampf gegen Lepra in Gang. Viele Einrichtungen der Aids-Hilfe tragen heute den Namen dieses Schutzpatrons der Aussätzigen: Damian de Veuster.

Alle gläubigen Christen sind Heilige. Nicht jedem hat Gott so besondere Aufgaben gegeben wie Mutter Theresa oder Pater Damian de Veuster. Aber für jeden hat er eine Aufgabe vorgesehen. Welches ist Ihre?



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