/ Wort zum Tag

Gibt es Größeres als die Vernunft?

Georg Gremels über Philipper 4,7.

Bibelvers

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.

Philipper 4,7

Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Vers im Lauf meines Pastorenlebens am Ende einer jeden Predigt gesprochen habe: „Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, segne und bewahre eure Herzen in Christus Jesus, unserem Herrn.“ Dabei berührt mich eine Wendung darin immer aufs Neue: „der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft!“

Wieso höher als Vernunft? Ist denn nicht die Vernunft das Höchste, was uns Menschen gegeben ist? Macht sie uns nicht zu Ebenbildern Gottes? Wer predigt, soll doch verständlich predigen. Das heißt zu allererst: so laut und so deutlich predigen, dass es alle Zuhörenden verstehen können. Oft habe ich schon einen Gottesdienstbesucher erlebt, der enttäuscht aus der Kirche gegangen ist: „Die Pastorin ist ganz nett, aber leider habe ich das meiste nicht verstehen können. Es war viel zu leise!“ Was hilft die schönste Predigt, wenn sie schon rein äußerlich nicht verstanden wird?

Doch soll meine Predigt nicht nur laut und deutlich sein, sondern sie soll auch klar sein, also durchdacht und vernünftig. Was helfen laute, deutliche Worte, wenn die Gedanken wie Kraut und Rüben durcheinanderschießen? Dann muss ich hören: „Nach fünf Minuten habe ich abgeschaltet und bin meinen eigenen Gedanken nachgegangen. In dem, was der Pastor gesagt hat, habe ich weder Sinn noch Verstand gefunden. – Schade eigentlich, wo ich mich so auf die Kirche gefreut habe!“

Verständlich und vernünftig soll eine Predigt sein. Was meint dann aber der Kanzelsegen am Schluss mit seinem „Frieden, der höher ist als alle Vernunft“? Ist Gottes Sache unvernünftig? Geht gar der Glaube wider die Vernunft an? Das kann doch nicht sein! Um Frieden muss vernünftig gerungen werden. Es kann der Arbeitsfriede sein, der in einem Streik aufgekündigt wurde. In diesem Ringen zählen vernünftige Argumente, die zu einer gemeinsame Lösung führen. Oder die Argumente vor Gericht, die zwei streitende Parteien vortragen und in denen sie um ihr Recht ringen. Vernünftig muss doch sein, was sie zu sagen haben. Am Ende fällt der Richter sein Urteil. Auch das hat er vernünftig aus dem Gesetz begründet und so den Streitfall geschlichtet. Sein Urteil wird von den Parteien hingenommen, im guten Fall sogar angenommen als die vernünftige Lösung.

Aber Friede höher als Vernunft? Was ist damit gemeint? Gibt es Größeres als die Vernunft? Mir hilft bei diesen Fragen das Leben weiter. Denn das Leben ist größer als die Vernunft. Zum Beispiel hat neulich jemand zu mir gesagt: „Weißt du, das war eine Bauchentscheidung! Aber ich habe sie nie bereut. Sie war die beste, die ich fällen konnte!“ Eine Entscheidung also, die nicht unvernünftig getroffen wurde und doch höher war als Vernunft. Oder ein anderes Beispiel: Zwei Freunde beendeten ihren alten Streit, der ihre Freundschaft zerrissen hatte. Einer kam als erster auf den anderen zu mit den Worten: „Weißt du was? Einfach Schwamm drüber! Reden wir nicht mehr davon!“ Da mussten beide lachen und Friede kehrte ein, Friede, der höher ist als Vernunft!

Wo bleibt da Gott? Er ist mittendrin. Insbesondere dann, wenn der Glaube mir hilft, diesen höheren Frieden zu schließen. Denn Gott steht doch über den Gegensätzen, die Menschen so leicht auseinanderreißen! Er lässt seine Sonne über allen aufgehen. Und Jesus hat seine Jünger gelehrt, auch ihre Feinde zu lieben. Das heißt ja nicht, ihnen um den Hals zu fallen, sondern sie zu achten und ehren. Denn auch sie sind geliebte Geschöpfe Gottes und auch für sie hat Jesus am Kreuz sein Leben dahingegeben.

Frieden ist dort gefährdet, wo wir Menschen uns an unseren Standpunkt klammern. Doch wo wir unseren Blick zu Gott erheben, da kann uns diese Wahrheit im Herzen  wachsen, bis wir eines Tages aus der göttlichen Weite zu dem Frieden finden, der höher ist als alle Vernunft.



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Kommentare

Von Hans-Heinrich H. am .

Danke, lieber Georg, mein Amtsbruder aus der Nachbarschaft. Deine Gedanken zum Kanzelgruß sind sehr hilfreich für mich. Dieselben Fragen habe ich mir nach meinen Predigten auch schon oft gestellt!
Dein Hans-Heinrich


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