/ Wort zum Tag

Gehen oder Bleiben?

Luitgardis Parasie über Psalm 11,1.

Bibelvers

Ich traue auf den HERRN. Wie sagt ihr denn zu mir: Flieh wie ein Vogel auf die Berge!

Psalm 11,1

Gehen oder bleiben? Vor dieser Frage standen die Mönche eines kleinen Klosters im algerischen Atlasgebirge. Es ist die Zeit der politischen Unruhen und Aufstände in Algerien, Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Rebellengruppen verbreiten Angst und Schrecken. Auch die Mönche und ihr Kloster sind in Gefahr. Sollen sie gehen oder bleiben? Was ist ihr Auftrag? Sie waren von Beruf Bauern, Arzt, Jurist, Handwerker. Sie heirateten nicht. Sie wollten ihre Liebe den Menschen geben, die sonst niemand liebt. Sie hatten keinen privaten Besitz. Verdienten durch ihre Arbeit, was sie brauchten, und gaben das Überflüssige dorthin, wo sie Armut sahen.

Der Orden der Mönche ist ein Zisterzienserorden. Vier Stunden am Tag singen die Mönche in Gebeten. Sie teilen alles untereinander, aber vor allem teilen sie auch mit den Armen und Fremden, mit allen, die leiden, egal welcher Herkunft und Religion.

Die muslimischen Dorfbewohner sind ihnen ans Herz gewachsen. Die Mönche wissen, dass sie selber in Lebensgefahr sind. Aber sie sehen ihre Aufgabe darin, an genau diesem Ort Christus treu zu sein und seine Liebe weiterzugeben.

Ihre Geschichte wurde verfilmt. Der Film heißt Von Menschen und Göttern. Er wurde international mit Preisen überhäuft. Er erzählt von dem Ringen um Berufung, von Lebenshingabe, von der Kraft des gemeinsamen Gebets.

Zitat aus dem Film. Ein Mönch wird gefragt: „Warst du schon mal verliebt? So was in deinem Inneren. Das nicht kontrollierbar ist und dein Herz höherschlagen lässt?“ Der Mönch antwortet: „Ja, mehrere Male sogar. Aber dann später habe ich eine andere Liebe erfahren, eine größere.“

Das Leben der Mönche ist kein Bruchstück. Es ist nicht so, dass sie nur verzichten. Sie haben stattdessen etwas, das ihnen wichtiger ist. Eine größere Liebe, eine Kraft, die woanders herkommt.

Der Bibelvers aus Psalm 11 drückt genau ihre innere Haltung aus: „Ich traue auf den HERRN. Wie sagt ihr denn zu mir: Flieh wie ein Vogel auf die Berge!“ Nein, fliehen ist keine Option für die Mönche, das schält sich in vielen Gesprächen und Gebeten heraus. Ihr Leben ist in Gott gegründet. Ihm sind sie verbunden. Und dadurch entsteht eine große innere Freiheit.

Du hast keine Wahl! Eine der stärksten Stellen im Film. Da steht einer vor dem Abt, bewaffnet bis an die Zähne. „Tod oder Leben?“ sagt er. „Du hast keine Wahl.“ Und Christian, der Abt, sagt ganz gelassen: „Doch! Ich habe die Wahl.“ – Die Freiheit eines Christen ist stärker als die Bedrohung. Weil ich jemanden auf meiner Seite habe, dessen Liebe zu mir größer ist als der Tod. Dessen Liebe den Tod überwunden hat.

In der Nacht vom 26. auf den 27. März 1996 werden sieben Mönche aus dem Kloster entführt und später ermordet. Zwei haben sich versteckt und überleben.

Bereits zwei Jahre vor seinem Tod hatte Christian, der Abt, ein Testament geschrieben. Darin betet er, geradezu prophetisch vorausschauend, für seinen Mörder. Christian schreibt:

„Wenn es eines Tages geschehen sollte, dass ich ein Opfer des Terrorismus werde, so möchte ich, dass meine Kirche, meine Familie, sich daran erinnern, dass mein Leben Gott und diesem Land geschenkt war. Nun werde ich, wenn es Gott gefällt, meinen Blick mit dem des Vaters vereinen dürfen. Und auch du bist eingeschlossen, Freund meines letzten Augenblicks, der du nicht weißt, was du tust. Dass es uns geschenkt sei, uns als glückliche Schächer im Paradies wiederzusehen, wenn es Gott, dem Vater von uns beiden, gefällt.“



Ihr Kommentar

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Kommentare

Von Margit.wittig am .

Vielen herzlichen Dank für diese Erzählung... und den Hinweis zum Film liebe Frau Parasie

Von Dieter B. am .

Liebe Frau Luitgardis Parasie,
eine sehr gute und beeindruckende Erzählung zu dem Bibelwort. Meiner Mutter war das kaum mehr gesungene Lied immer sehr wichtig: "Es ist ein Born draus heilges Blut für arme Sünder quillt." In einer Strophe heißt es: Der Schächer fand den Wunderquell, den Jesu Gnad ihm wies und dadurch ging er rein und hell mit ihm ins Paradies.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit.
Herzliche Grüße
Dieter B.


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