/ Wort zum Tag

Der entrümpelte Himmel

Heinz-Werner Neudorfer über Psalm 148,3.5.

Bibelvers

Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne! Denn er gebot, da wurden sie geschaffen.

Psalm 148,3.5

Was uns hier aus dem 148. Psalm so unbeschwert und fröhlich entgegenklingt, waren damals, als der Psalm entstand, äußerst brisante Behauptungen! Denn für die Völker um Israel herum waren Sonne, Mond und Sterne nicht nur Lichter am Firmament. Sie hielten sie für Gottheiten, die sehr wohl Einfluss auf ihr Leben nehmen konnten – „influencer“, wie man heute sagt.

Deshalb fürchteten sich die Leute vor ihnen. Was wäre, wenn die Sonne nicht mehr aufgehen würde? Damit das nicht passiert, brachten sie ihnen Opfer dar, sogar Menschenopfer. Was der Beter formuliert, ist also im Blick auf die damalige „Mehrheitsmeinung“ nicht weniger als eine Entrümpelung des Himmels. Den Schöpfer sollen wir loben und verehren, sagt er, nicht die Schöpfung!

Wie steht es dann für Christen mit der grandiosen „unbelebten“ Schöpfung? Den Bergen, den Flüssen, den Wolken, den Wiesen und Wäldern? Ist das alles einfach „tote Materie“? Nur ein schöner Teil der Kulisse, vor der sich unser Leben abspielt? Sie merken schon: Meine Frage drängt Sie zu einem „Nein“. Nein, es ist nicht nur „Dichtung“, wenn der Psalm menschliches Gotteslob in einen ganz großen Rahmen stellt. Wenn er alles Geschaffene auffordert, ins Lob der Menschen für den Schöpfer einzustimmen.

Dahinter steht die Überzeugung: Gott, den Schöpfer und Erhalter, können wir gar nicht genug loben! Wenn ich das auf mich herunterbreche, muss ich sagen: Viel zu wenig lobe ich Gott! Ich könnte, sollte, müsste Gott für alles danken, was er mir zum Nutzen geschaffen hat und erhält!

Das stimmt zwar, aber es greift auch zu kurz. Denn Gotteslob entsteht nicht nur im Kopf, mit Gründen und Argumenten. Es kommt zuerst aus dem Herzen. „… der Intellekt kann nicht Gott loben, nur der atmende, sich freuende, singende Mensch“; „der Mensch in seiner kreatürlichen Ganzheit“.[i] Sagt Claus Westermann. Das ist die Brücke hinüber zum Lob der ganzen Schöpfung.

Hüten wir uns, über das gemeinsame Gotteslob der ganzen Schöpfung zu lächeln, weil es ja „nur“ im Alten Testament vorkomme (vgl. Jes 55,12). Kein geringerer als der Apostel Paulus spricht von einem „Seufzen“ der Schöpfung wegen der quälenden Vergänglichkeit, die der Mensch verursacht hat. Er weiß aber auch, dass „die Schöpfung … frei [werden] wird von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21f). Und ganz am Ende der Bibel, da, wo es um den neuen Himmel und die neue Erde geht, steht Gottes Versprechen: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5). Wir Menschen denken immer zuerst an uns. Gott denkt in größeren Dimensionen!

Diese Einsicht könnte dazu führen, dass ich mir vornehme, Gott heute mehr zu loben und konkreter zu danken für das, was mein Leben angenehm, reich und schön macht, wirklich lebenswert. Dankbarkeit und Freude sind die „Motoren“, die uns Gott loben lassen. Wie soll die Schöpfung Gott loben, wenn wir es ihr nicht vormachen?

[i] Claus Westermann, Art. „loben“, in: Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament I, S. 496



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Kommentare

Von Susanne Z. am .

Es ist mir eine große Freude die frohe Botschaft in der wortgetreuen Wiedergabe heute morgen zu hören. Dankesgabe ist unterwegs.


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