/ Wort zum Tag

Im Glutofen des Elends

Jürgen Werth über Jesaja 48,10.

Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends.

Jesaja 48,10

Das ist kein schöner Bibelvers an diesem Tag. Wer möchte schon im Glutofen des Elends geprüft werden! Obwohl sich mancher, der diesen Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja heute liest, genau so fühlen wird. Als würde alles weggebrannt, was verlässlich schien. Die Gesundheit vielleicht. Die Lebenskraft. Die Zuversicht. Der Glaube. Ein Mensch vielleicht. Gemeinsame Lebenspläne. Geborgenheit. Liebe. Manchmal sieht man den eigenen Anteil am aktuellen Elend. Manchmal schämt und grämt man sich. Man möchte wieder gutmachen, was man angerichtet hat. Doch es ist zu spät.

Manchmal aber ist man ganz und gar Opfer.

Das Bibelwort ist Israel gesagt. Gott nennt sein Volk im selben Kapitel „treulos“ und „abtrünnig von Mutterleib an“. Israels Anteil am aktuellen Elend ist über alle Maßen groß und unübersehbar. Die Prüfung im Glutofen ist mehr als die folgerichtige Strafe, es ist vielmehr ein weiterer verzweifelter Versuch Gottes, sein Volk zu läutern, zu reinigen, zurückzurufen. Als wollte er nichts unversucht lassen in seiner verzweifelten Liebe.

Manchmal hat unser Elend diesen Sinn. Es will aufrütteln, wachrütteln, zurechtrütteln. Es will zur Besinnung rufen. Das heißt: Nicht das Elend will es. Gott, der das Elend schickt und benutzt, will es. Und es heißt: Auch die scheinbar größten Katastrophen unseres Lebens kommen aus seinem liebenden Herzen. Er will uns Einhalt gebieten und uns zurücklocken ins Vaterhaus. Wie den verlorenen Sohn. Fasse es, wer kann!

Aber oft genug lässt sich das Elend so nicht erklären. Lässt sich überhaupt nichts mehr erklären. Wie bei Hiob. Dann können wir nur noch aushalten und stillhalten. Wohl dem, der dann einen Menschen hat, wenigstens einen, der mit ihm aushält, der für ihn betet, der für ihn glaubt und hofft.

Solch einen Menschen muss man sich wohl suchen, bevor einen das Elend überrollt. Man muss ihn suchen und man darf für ihn beten. Vielleicht ist er schon näher, als wir denken. Augen auf! Herz auf!

Aber auch solch ein Mensch kann unser Elend ja nicht abnehmen. Kann nicht genau das fühlen, was wir fühlen. Kann nicht leiden, was wir zu leiden haben. Menschliches Mit-Leid gibt es nur in engen Grenzen.

Nur eines hilft wirklich: Der Blick auf den Schmerzensmann, von dem die Evangelien erzählen. Den Messias. Den Christus. Gottes Sohn, den die Menschen auf brutale Art und Weise aus ihrer Welt zu schaffen versucht haben. Er leidet mit. Er fühlt mit. Er trägt mit. Er bleibt nicht außen, er schlüpft hinein in meine Schmerzen, in meine Verzweiflung. Auf ihn blicken, hilft. Ihn hineinbitten ins Herz und Hirn und Leib, hilft.

Mancher klammert sich im Glutofen seines Elends an ein Handkreuz. Ich nehme es auch immer wieder zur Hand. So spüre ich, was ich manchmal nicht mehr richtig glauben kann: Er ist da. Und so wie sein Glutofen des Elends nicht seine letzte Lebensstation war, so wird es meiner auch nicht sein. Es wird weitergehen. Auf jedes Ende folgt ein neuer Anfang. Auf jeden Karfreitag folgt der Ostermorgen. Auf jedes Sterben folgt die Auferstehung. Auf jedes Elend folgt neues Glück.

Das ahnt schon Jesaja. Ein paar Verse später kommt ein starker Hinweis auf den Gottesknecht und damit auf diesen Christus. Und es folgt ein gewaltiger Jubelschrei. Vielleicht kann ich einstimmen an diesem Tag, wenn auch nur stotternd und flüsternd: „Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ (Jesaja 49,13)



Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Kommentare

Von Peter J. am .

Gute Gedanken! Gottes Gedanken sind anders als unsere Gedanken und wir verstehen sie oft nicht. Jetzt mag das Leid unerträglich sein... Dazu kommt mir das Lied 'Blessings' von Laura Story in den Sinn.


Das könnte Sie auch interessieren