/ Wort zum Tag

Fremde verstehen und lieben

Claudia Schmidt über 3. Mose 19,34.

Haben Sie sich schon einmal „fremd“ gefühlt? Fremd in der neuen Stadt. Fremd am neuen Arbeitsplatz, in der Gemeinde oder auch fremd in einem Land, dessen Sprache, Kultur und Sitten Ihnen nur teilweise vertraut waren? Ich kenne das Gefühl sehr gut. Jeder Umzug und jeder Stellenwechsel kostet Kraft.

Noch herausfordernder ist so ein Neustart in einem fremden Land. Auch das habe ich erlebt.

Die ersten Monate waren immer hart. Oft kam ich mir vor wie ein kleines, hilfloses Kind, das nicht einmal richtig sprechen kann. Selbst die einfachsten alltäglichen Dinge wollten mir einfach nicht fließend über die Lippen kommen. Seit dieser Zeit kann ich Menschen, die als Fremde in unserem Land leben, viel besser verstehen.

Völkerwanderungen und damit auch Menschen, die als Ausländer in einer fremden Kultur lebten, gab es zu allen Zeiten - auch in Israel. Deshalb ist in den Anweisungen, die Gott seinem Volk für das tägliche Miteinander gibt, auch der Umgang mit Fremden geregelt.

„Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst“, heißt es im 3. Buch Mose, im Kapitel 19, Vers 34. Erklärend wird in diesem Abschnitt ergänzt: „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt, sollt ihr ihn nicht bedrücken. Er soll wie ein Einheimischer bei euch wohnen und ihr sollt ihn lieben, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägypten.“

Ausländer, die sich in die Kultur der Israeliten einfügten und auch deren Gepflogenheiten und Gebote befolgten, standen also unter einem besonderen Schutz. Oft werden sie in der Bibel in einem Zug mit Witwen und Waisen genannt, die ebenfalls auf die Hilfe und Unterstützung der Gemeinschaft angewiesen waren.

Das wohl bekannteste Beispiel ist die Moabiterin Ruth. Ihre Geschichte wird im gleichnamigen Buch erzählt. Als Ruths Ehemann stirbt, kehrt sie nicht - wie sonst üblich - zu ihrer moabitischen Familie zurück. Nein, Ruth verlässt ihre Heimat und zieht mit ihrer Schwiegermutter Naomi nach Bethlehem.

Dort gilt sie erst einmal als Fremde. Doch die Israeliten nehmen Ruth freundlich auf, obwohl es zwischen ihrem Heimatland Moab und Israel immer mal wieder Krieg gab. Ruth findet Arbeit, Schutz und sogar einen Ehemann. Boas, ein entfernter Verwandter ihrer Schwiegermutter, heiratet sie. So geht die mittellose Ausländerin Ruth später als Urgroßmutter von König David in die Geschichte Israels ein.

Am Ende landet Ruth sogar im Stammbaum des Messias, Jesus Christus. Das können Sie nachlesen im Matthäus-Evangelium in Kapitel 1. Dort ist Ruth erwähnt. Im Stammbaum Jesu werden somit verfeindete Nationen zu einer Familie. Sein Versöhnungsangebot gilt für alle Völker der Welt.

Dieses Gebot Gottes „Liebe den Fremden wie dich selbst“ gilt auch heute noch. In Corona-Zeiten ist es allerdings gar nicht so einfach, auf Fremde zuzugehen. Die Schutzmaßnahmen fordern Abstand und Abgrenzung.

Aber auch jetzt gibt es Menschen, die in der Fremde einen Neuanfang wagen - oder wagen müssen. Andere fühlen sich gerade im Moment besonders ausgegrenzt und einsam. Ein Anruf, eine Ermutigung oder eine freundliche Geste sind auch unter Corona-Bedingungen möglich. Fällt Ihnen jemand ein, der sich heute darüber freuen würde?



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