/ Wort zum Tag

Verkehrte Welt

Jürgen Werth über Jesaja 57,15.

Bibelvers

Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.

Jesaja 57,15

Menschen strecken sich, um Gott zu erreichen. Gott beugt sich, um Menschen zu erreichen. Verkehrte Welt.

Gott ist oben, wohnt im Himmel, in ewiger Herrlichkeit, und damit in unerreichbarer Ferne. Denn Menschen sind unten, wohnen auf der Erde, sind an Zeit und Raum gebunden. Ihre Arme werden immer zu kurz sein, ihre Gebete zu leise. Weshalb sie schon immer versucht haben, ihre Götter auf die Erde zu holen. In ihre Welt. In ihren Alltag. Bilder haben sie gemalt, Holzstatuen geschnitzt. So sollte ein Stück Himmel bei ihnen sein. Aber sind das Götter, die man selber herstellt? Können sie sehen, hören, helfen?

Die Propheten des Alten Testaments haben sich immer ein bisschen darüber lustig gemacht. Jesaja zum Beispiel (Jes 40, 19 ff): „Der Meister gießt ein Bild und der Goldschmied vergoldet's und macht silberne Ketten daran. Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.“

Nein, ein Gott, der diesen Namen wirklich verdient, lässt sich nicht herstellen, lässt sich nicht in irdische Abbilder zwängen. Gott bleibt auf ewig unverfügbar, wenn er denn Gott ist.

Es sei denn, er macht sich selber verfügbar. Lässt sich nieder bei den Menschen, beugt sich tief herab. Und genau von diesem Gott erzählt die Bibel.

Die Losung, der gezogene Bibelvers für heute, ist wörtliche Rede: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ (Jesaja 57,15) Und der das sagt, wird so vorgestellt: Der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist.

Nur so kommen Menschen zu Gott, indem er zu ihnen kommt. So erreichen ihn ihre Gebete, indem er sein Ohr ganz nahe an ihren Mund neigt. Sein Ohr und sein Herz. Er hat es schon damals getan zur Zeit des Alten Testaments, und er hat es unüberbietbar eindrücklich getan, indem er in Jesus Christus selbst zu den Menschen gekommen ist. Den Zerschlagenen ist er ganz nahegekommen, indem er sich selbst hat zerschlagen lassen. Die Demütigen hat er geehrt, indem er sich selbst auf unnachahmliche Weise gedemütigt hat.

Damals, ja. Aber auch heute. Das ist die Hoffnungsperspektive für alle, die sich zerschlagen fühlen: Für sie ist er da. Ganz nah. Denen gibt er Kraft, denen macht er Mut.

Gerade denen. Die anderen neigen vielleicht doch immer wieder dazu, auf ihre eigene Kraft zu vertrauen, auf ihren Einfallsreichtum. Erst wenn einer am Ende seiner Kraft ist, entdeckt er, dass es eine andere Kraft gibt, die ihm leben hilft. Überleben. Darum sind die schweren Zeiten unseres Lebens vielleicht besondere Gnadenzeiten, denn sie sind besondere Zeiten der Zuwendung Gottes.

Viele haben das erfahren. Dietrich Bonhoeffer ist einer von ihnen. Vor 75 Jahren wurde er von den Nazis ermordet. In der Haft hat er das folgende Gebet aufgeschrieben:

„Ich traue deiner Gnade

und gebe mein Leben ganz in deine Hand

Mach du mit mir,
wie es dir gefällt und wie es gut für mich ist.
Ob ich lebe oder sterbe,
ich bin bei dir und du bist bei mir, mein Gott.

Herr ich warte auf dein Heil und auf dein Reich.“



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