/ Wort zum Tag

Aus der Tiefe

Alexander Nussbaumer über Jona 2,8.

Bibelvers

Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir.

Jona 2,8

Die heutige Tageslosung stammt aus dem Jona-Büchlein: „Als meine Lebenskraft sich mir versagte, erinnerte ich mich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.“ (Jona 2,8)

Der Anfang der Jonageschichte berichtet von einem steten Abstieg Jonas: Er geht ans Meer hinunter, er steigt in den Schiffbauch hinunter, er wird ins Meer hinuntergeworfen. Und jetzt sitzt er im Fischbauch, er ist in der tiefsten Tiefe, ganz weit unten, tiefer geht es nicht mehr.

Die Tageslosung ist Teil des Gebetes, das Jona im Bauch des Fisches betet, der ihn verschlungen hat. Das Wort „verschlingen“ kommt auch an anderen Orten der Bibel vor. Es hat immer etwas mit dem Gericht Gottes zu tun. Zwei Beispiele:

  • Eine Gruppe, die sich Mose widersetzt hat, wurde von der sich öffnenden Erde verschlungen. (Numeri/4.Mose 16,32)
  • Israel wurde von Assyrien verschlungen.

Jona wendet sich an Gott und betet aus seiner tiefsten Tiefe hinauf. WANN aber hat er mit seinem Gebet begonnen? Er hatte sich vorgenommen, von Gott weg zu fliehen. WANN hat er eingesehen, dass er damit keinen Erfolg hat, dass Gottes Gegenwart bis in seine Tiefe hinabreicht? Der Text macht den Anschein, dass er sofort damit begonnen hat. Ich bin mir da nicht so sicher. Jona ist ein widerborstiger Kerl. Vielleicht hat er noch eine ganze Weile geschmollt. Möglicherweise brauchte es bei ihm einen inneren Prozess, bis ihm bewusstwurde, dass der Fisch nicht sein Grab, sondern der Kokon seiner Wiedergeburt wird.

Jona wird von einem „Fisch“ verschlungen, hebräisch „dag“. Im folgenden Vers steht aber „dagah“, was Fischin heißt. Es hat eine Art Geschlechtsumwandlung stattgefunden. Jona landet im Bauch des Fisches und betet aus dem Bauch der Fischin. Der Bauch eines weiblichen Wesens kann auch Gebärmutter bedeuten. „Gebärmutter“ heißt hebräisch „rechem“, die Mehrzahlform davon heißt „recheamim“, was nicht nur „Gebärmütter“, sondern gleichzeitig „Barmherzigkeit“ bedeutet. Aus einem tödlichen Gerichtsort wurde ein lebenspendender Barmherzigkeitsort.

Jona landete zunächst an einem Ort des Gerichts, im todbringenden Verdauungstrakt. Am tiefsten Punkt seiner Flucht und seines Abstiegs kann er – endlich! – seine innere Kompassnadel um 180 Grad drehen und sich seinem Gott wieder zuwenden. Er findet zurück zum Gebet. Er ist nach wie vor in den Innereien des Meerestieres. Aber diese haben sich wundersam verwandelt, sie sind zum Ort des Neuanfangs, der Wiedergeburt, zum Beginn des Wiederaufstiegs geworden. Der Ort des Gerichts wird zum Ort der Rettung.

Nehmen wir das doch als Hoffnungswort in unser Leben hinein: Sogar tiefste Tiefen können sich in Orte des Wiederaufstiegs wandeln.



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Kommentare

Von Stefan K. am .

Danke für die so gelungene Andacht....das war sein fein bemerkt und dargestellt

Von Ute K. am .

Was für eine phantastische Auslegung . SO habe ich den Jonatext noch nie gelesen. Die Zusammenhänge der Wortbedeutungen werfen ein ganz anderes Licht auf den tiefsten Inhalt des Berichtes . Danke für dieses "Augenöffnen" !


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