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Vor-Urteile

Daniel Eschbach über Lukas 17,15-16.

Bibelvers

Einer unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm.

Lukas 17,15-16

„Von dem hätte ich das zuletzt erwartet!“ – Den Gedanken kennen wir. Vielleicht hat jemand, der uns eigentlich tief beeindruckt, unerwartet eine Schattenseite gezeigt. Oder umgekehrt: Jemand, dem wir nicht viel zugetraut hätten, hat uns positiv überrascht. Ich erinnere mich an einen Werbespot, der mit Letzterem spielt: Man sieht einen aggressiv aussehenden Mann mit aller Kraft auf eine alte Frau zu rennen. Er packt sie und reißt sie mit sich. Alles sieht nach einem Überfall aus. Erst im letzten Moment zeigt ein Schwenk der Kamera den vollen Betonkessel, der vom Kran darüber herunterfällt. Er hätte die Frau erschlagen, wenn sie der Mann nicht weggestoßen und gerettet hätte.

Es kommt oft vor, dass uns Vorurteile oder fixe Erwartungen in die falsche Richtung leiten. Das müssen wir uns nicht immer gleich zum Vorwurf machen. Immerhin sind wir auf vorgefasste Meinungen ja auch angewiesen, um im Alltag schnelle Entscheidungen treffen zu können. Sehr schade ist allerdings, wenn solche vorgefassten Meinungen uns daran hindern, anderen Menschen Gutes zuzutrauen.

Der Evangelist Lukas erzählt die Geschichte von 10 aussätzigen Männern, die Jesus um Hilfe baten. Dieser schickte sie zum Priester. Auf dem Weg dorthin wurden sie gesund. Und dann heißt es in Lukas 17,15-16: „Einer aus der Gruppe kam zurück, als er es merkte. Laut pries er Gott, warf sich vor Jesus nieder, das Gesicht zur Erde, und dankte ihm. Und das war ein Samariter.“ (GNB)

„Von dem hätten das die Leute zuletzt erwartet!“ Samariter und Juden waren sich spinnefeind. Entsprechend hatten sich Feindbilder entwickelt. Und das bewirkte wohl, dass man sich gegenseitig fast alles zutraute, nur nichts Gutes. Ein Samariter, der sich dankbarer zeigt als seine jüdischen Leidensgefährten? Das kann doch nicht sein. Ein Samariter, der hilfsbereiter ist als jüdische Geistliche, wie es Jesus in seinem bekannten Gleichnis erzählt? Was für eine Provokation!

Wo führen unsere Vorurteile dazu, dass wir einem Menschen wenig bis nichts Gutes zutrauen? Die leidvolle Geschichte von Antisemitismus und Rassismus ist bekannt. Da gibt es viele Beispiele. Und was ist mit dem Nachbarn, mit dem ich vor Jahren einmal ein unerfreuliches Zusammentreffen hatte? Der Pfarrerin, die von jedem Bibeltext aus im Nullkommanichts zu ihrem Lieblingsthema findet? Oder dem Lehrer, der mein Kind ungerecht benotete? Oder den Jungen in der Gemeinde, bei denen immer alles so laut und übertrieben sein muss?

Menschen sind viel mehr als das, was mich an ihnen vielleicht stört. Ich möchte immer wieder üben, mich von Menschen positiv überraschen zu lassen und mich gegen negative Vorurteile wehren. Dann müsste ich seltener zähneknirschend eingestehen: „Das hätte ich dem gar nicht zugetraut!“ Und ich hätte viel Grund zur Freude über die Kreativität und das Potenzial, mit denen Gott meine Mitmenschen begabt. – Ich wünsche ihnen in diesem Sinne einen überraschend erfreulichen Tag.



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Kommentare

Von Sabine am .

Guten Morgen, Herr Eschbach. Ihre Auslegung berührt mich sehr, da ich heute ein Gespräch vor mir habe, vor dem mir ein wenig graut...... Durch Ihre Worte möchte ich anders an das Gespräch herangehen u mich dann vielleicht überraschen lassen......


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