/ Wort zum Tag

Die Krone des Jahres

Friedhelm Geiß über Psalm 65,12.

Bibelvers

Du krönst das Jahr mit deinem Gut.

Psalm 65,12

„Das setzt der Sache echt die Krone auf“ – diese Redewendung wird im Volksmund verwendet, um positiv oder negativ den Gipfel eines Geschehens deutlich zu machen. Ganz ähnlich klingt ein Zitat aus Psalm 65, Vers 12; David schreibt: „Du krönst das Jahr mit deinem Gut!“

In dem Hymnus Psalm 65 wird die Freundlichkeit und Güte Gottes in vielen Bildern beschrieben. Wo Gottes Gegenwart sich auswirkt, wird Segen sichtbar. Seine Güte ist wie ein Strom auf dürres Land. Natur und Menschen atmen auf. Und so kann David nur bezeugen: Gott setzt mit seiner Güte dem Jahr die Krone auf. Frei übersetzt könnte ich auch sagen: „Du machst dieses Jahr zu einem besonderen Jahr.“

Wie klingt das in Ihren Ohren – angesichts der monatelangen Einschränkungen in der Corona-Pandemie? Das griechische Wort „corona“ bedeutet Krone, Strahlenkranz. Was für eine Krone wurde uns hier aufgesetzt? Nun kann ich eine Sache immer von zwei Seiten sehen. Und es gibt genügend Meldungen, die uns in Schrecken, Trauer und Unverständnis versetzen. Andere entdecken in dieser Krise großartige Chancen, neue Entwicklungen, neue Wege. Macht aber dieses kleine, weltweit wirkende Virus nicht sehr existentiell deutlich, dass der Mensch eben doch nicht alles im Griff hat und alles in seiner Verfügbarkeit steht? Und dass „höher, schneller, weiter“ eben auch ein Virus ist, das Leben zerstören kann?

Auch wenn die Reichweite unserer wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten wächst, haben wir damit die Zukunft noch längst nicht im Griff. Die Zukunft ist für uns Menschen unverfügbar, aber sie liegt in Gottes Hand.

Nachdenklich bin ich geworden, als ich in einem alten Musiklexikon von 1732 folgendes las: „Corona oder Coronata, also wird von den Italienern dieses Zeichen genannt, welches, wenn es über gewissen Noten in allen Stimmen zugleich vorkommt, ein allgemeines Stillschweigen oder eine Pausam generalem bedeutet. Wenn es aber über einer finalen Note in einer Stimme allein steht, so zeigt es an, dass sie daselbst so lange aushalten soll, bis die übrigen Stimmen auch zu ihrem natürlichen Schluss nachkommen.“ Corona ist die italienische Bezeichnung der Fermate, dem „Stillschweigezeichen“ in der Musik. Das Zeichen dafür ist ein Bogen mit einem Punkt in der Mitte.

Die Coronazeit als Fermatezeit? Ist es gewagt, zu denken, dass die Krone dieses Jahres ein „Stillschweigezeichen“ Gottes sein könnte? Gerade auch in der zurückliegenden Passions- und Osterzeit? In einer zunehmend hektischeren Welt trat plötzlich eine Ruhe und Stille (auch auf den Straßen) ein. Es gibt eine Bereinigung ins Ernsthafte. Neue Formen der Lebendigkeit, der Höflichkeit und Umsicht werden entdeckt. Ob es aber wirklich zu einer „Stillschweigezeit“ kommt? In Psalm 46,11 heißt es treffend: „Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden.“ Gott wirkt in und durch die Geschichte. Er steht nicht abseits. Er ist der Herr, vor dem sich einmal alle Mächtigen dieser Welt verantworten müssen. Auf Gottes Weisungen zu hören und neu zu achten, könnte in allen Bereichen lebensförderlich sein.

„Du krönst das Jahr mit deinem Gut“ – so bringt es David auf den Punkt. Dieser Ausdruck könnte auch so verstanden werden, dass Gottes Liebe, seine Treue und seine Güte das Jahr, mit allem was noch drin sein mag und noch geschehen wird, umgibt wie mit einer Krone. Wirklich wahrnehmen kann ich das nur im Stillstehen. Dies könnte auch ein Segen der Krise sein. Trotz aller Distanz, die immer noch nötig ist, tut die „Stillschweigezeit“ in der Nähe Gottes gut.

Ob aus dem Stillschweigen vor Gott eine neue Lebensart für Post-Corona-Zeiten wachsen kann? Ich bin dran, das zu entdecken.



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Kommentare

Von Erich H. am .

Stark der Hinweis auf das Corona Zeichen in der Musik und Ihre Deutung. Sehr bedeutsam für mich. Danke.

Von Norbert N. am .

Sehr geehrter Herr Geiß,
einerseits traurig, doch ist es insgesamt, wie Sie sagen, wie im Kloster, nicht direkt erkennbar als heilige Zeit in Corona. Aber Sie bringen es auf den Punkt, wie Sie die Geschehnisse um Corona vergleichen. Und in allen Ereignissen steht Gotes Liebesangebot. Zeit, in uns zu gehen und sein Angebot anzunehmen.
Wir waren in Frankreich fast drei Monate in strenger Quarantaine .
Das tat uns gut. Wie Urlaub. Zeit zum Lesen und neu hören und verstehen, Zeit, meine Liebesbeziehung zu Jesus zu intensivieren.
Gott befohlen
Norbert N.

Von Elfi M. am .

Vielen Dank für diese ausgezeichneten Gedanken! Musik spielt in meinem Leben eine große Rolle, deswegen ist mir die Formate sehr gut bekannt und in der Frauenarbeit habe ich auch schon den geistlichen Bogen dazu genutzt…
Gottes Segen weiterhin für Ihren Dienst wünscht Ihnen Elfi M.


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