/ Wort zum Tag

Gesundheitsschutz und Götzendienst

Jörg Dechert über 1. Korinther 10,24.

Die Corona-Krise macht Fragen unseres Zusammenlebens  sichtbar, über die viele Menschen sich sonst nicht allzu viele Gedanken machen. Zum Beispiel die gegenseitige Rücksichtnahme in Ermessensfragen.

In der Anfangsphase der Krise – dem Lockdown – wurde das öffentliche Leben innerhalb relativ kurzer Zeit heruntergefahren. Veranstaltungen, Volksfeste, Schulen, Gottesdienste – viele Formen menschlichen Zusammenkommens waren nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich. In einem solchen Lockdown herrschen klare Regeln. Sie müssen nicht jedem gefallen, sie können sich hinterher als sinnvoll oder als überzogen herausstellen, aber sie sind für alle klar: Tue dieses, lass jenes. 1 Meter 50 Abstand sind okay, 1 Meter 49 ist zu nah. Was erlaubt ist, liegt nicht im persönlichen Ermessen des Einzelnen.

Danach kam die Phase der Lockerungen, und an die Stelle klarer Regeln treten Empfehlungen: Verzichten Sie nach Möglichkeit auf Freizeitreisen quer durch Deutschland. Arbeiten Sie nach Möglichkeit weiter von zu Hause aus. Wie ich mich im Alltag verhalte, dafür gibt es keinen absoluten Katalog mit „richtig“ oder „falsch“; vieles liegt in meinem persönlichen Ermessen. Die Freiheit des Einzelnen wird größer – aber das Miteinander auch schwieriger. Denn so verschieden wir Menschen sind, so verschieden ist auch unser Risikoempfinden. Wo der eine nur mit Mundschutz und Desinfektionsmittel aus dem Haus geht, hat die andere kein Problem damit, sich jeden Tag in der Fußgängerzone mit einer anderen Freundin zu treffen.

Im Zusammenleben trifft die Ermessensfreiheit des einen auf die Ermessensfreiheit des anderen. Was nun? Einfach jeder so, wie er will?

Mit dieser Frage musste sich schon der Apostel Paulus befassen, als er eine der ersten christlichen Gemeinden des ersten Jahrhunderts beriet, in der griechischen Metropole Korinth. Damals ging es nicht um Gesundheitsschutz, sondern um Götzendienst, und die Frage wurde unter den Christen heiß diskutiert: „Wir wissen doch, dass Jesus Christus uns von allen bösen Mächten befreit hat“, sind sich die einen sicher. „Wir können doch ohne Gefahr von dem Fleisch essen, das von Tieren stammt, die Götzen und angeblichen Göttern geopfert worden sind. Das kann uns gar nichts anhaben!“

Andere in der Gemeinde waren vorsichtiger. Sie waren so dankbar für ihre Befreiung von der Angst vor übernatürlichen Mächten, dass sie maximalen Abstand von allem halten wollten, was mit den heidnischen Opferritualen zu tun hatte. „Finger weg vom Fleisch, das Götzen geopfert wurde!“ – das war ihre Devise. Wie sollten sie als Christen nun umgehen mit diesen Unterschieden in ihrem Ermessen? Jeder so, wie er will?

Nein, erklärt Paulus ihnen im 1. Korintherbrief, Kapitel 10 – es gibt einen besseren Weg, mit euren Unterschieden in Ermessensfragen umzugehen.

Und dieser Weg beginnt mit dem, was für alle unverhandelbar ist: Ich möchte nicht, dass ihr in Verbindung mit Dämonen kommt. – Vers 20 (NGÜ). Darauf konnten sie sich alle einigen damals in Korinth: Sie waren alle frei geworden von seelischen Bindungen an Götzendienst und Angst vor dunklen, übernatürlichen Mächten. Und niemand von ihnen wollte je wieder dahin zurück.

Erst danach, in einem zweiten Schritt, adressiert Paulus die persönlichen Ermessensunterschiede unter ihnen. Paulus stellt die grundsätzliche Freiheit des Einzelnen dabei gar nicht in Frage – aber er stellt die Verantwortung für das große Ganze gleichwertig daneben. Mag sein, dass alles erlaubt ist, so Paulus in Vers 23 – „aber nicht alles ist deshalb auch hilfreich… nicht alles dient der Gemeinde“. Und weiter:  Jeder soll auf den Vorteil des anderen bedacht sein, nicht auf den eigenen Vorteil.(NGÜ)

Ich finde, das ist ein guter Ratschlag - für den Umgang mit dem Götzenopferfleisch damals, wie auch für unser Miteinander in der Corona-Krise heute: Wie auch immer Sie selbst eine Ermessensfrage für sich beantworten – bleiben Sie nicht dabei stehen, sondern sehen Sie auch auf das, was dem anderen und dem großen Ganzen dient. Nicht nur, wenn es durch klare Regeln für alle erzwungen wird - sondern einfach so. Freiwillig. Aus Einsicht. Aus Respekt. Aus Liebe.

 



Kommentare

Von Klauds P. am .

Lieber Bruder Dechert, Sie haben für mich die theologische Diskussion um Corona auf den Punkt gebracht: was ich als Ermessensspielraum und was als Verantwortungsaufgabe für andere wahrzunehmen habe, orientiert sich an mir und nicht an dem, was andere tun oder lassen sollten. Es gibt Unverhandelbares wie damals in Korinth, und es gibt eigenes Entscheiden mitten im Alltag und mit Christus und im Licht seiner Liebe.
Mir haben Ihre Sätze sehr geholfen.
Danke.

Von Rainer am .

Gerne möchte ich mich dem anschließen. Ich finde auch, das ist ein guter Vorschlag: Jeder soll auf den Vorteil des anderen bedacht sein, nicht auf den eigenen Vorteil. Vielen lieben Dank für die wunderbar anschauliche Darstellung des Themas.

Von Christoph D. am .

Der Ermessensspielraum ist sehr anschaulich definiert, danke. Paulus geht noch weiter: Die Gemeinde / der Andere sei höher zu gewichten als mein eigener Nutzen ...

Von Herbert E. am .

Die Verbindung zwischen dem Beispiel aus dem Korintherbrief und unserem persönlichen Verhaltens in der Corona Krise finde ich sehr gelungen. Sie geben uns damit eine wirklich gute Orientierungsperspektive. Herzlichen Dank.

Von Leo le sel am .

Wenn ich die Liebe hätte, wäre ich gerettet
Wenn wir die Liebe hätten, wären wir gerettet
Wenn wir die Liebe hätten gäbe es keine Kriege und nicht arm und reich
Wenn wir die Liebe hätten gäbe es keine Hungersnot und keinen Wassermangel und keine Umweltverschmutzung und Zerstörung
Wenn wir die Liebe hätten, gebe es keine TierQuälerei in unserer FleischProduktion
Wenn wir die Liebe hätten gäbe es keine Angst auf diesem Planeten und alle würden sich des Lebens erfreuen usw.
Wenn ich die Liebe hätte ...


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