/ Wort zum Tag

David – ein glaubwürdiger Prediger?

Martin Knapmeyer über 1. Chronik 22,19.

Bibelvers

So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen.

1. Chronik 22,19

Ausgerechnet du, David! Ausgerechnet du mahnst uns heute mit 1. Chronik 22: „So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den HERRN, euren Gott, zu suchen.“ (1 Chr 22,19)

„Gott suchen“ – aus anderen Bibelstellen können wir verstehen, was du damit meinst. „Gott suchen“ bedeutete in Israel oft: Gott durch einen Propheten befragen. So hat vor allem der König in Notzeiten Gott gesucht – er sandte seinen Boten auch zu einem Priester. Der sollte ihn bitten: „Frage den HERRN, wie es ausgeht für mich und mein Volk. Erflehe Gottes Rat und Hilfe!“ (z. B. 2 Kön 22,11-20) Du, König David, wolltest, dass auch die Oberen Israels (laut 1 Chr 22,17 die Adressaten von 1 Chr 22,19) Gott suchen. Du wolltest, dass sie sich in allen Lebenslagen an Gott wenden. Mit Herz und Sinn – mit ganzer Aufmerksamkeit - sollten sie sich an Gott wenden, um seinen Willen zu erkunden. Und der Tempel in Jerusalem sollte dem ganzen Volk dazu helfen, Gott zu suchen (1 Chr 22,19b). Er sollte ein Ort werden, an dem man Gott finden und sein Leben auf ihn ausrichten kann. Die Oberen Israels sollten deinem Sohn Salomo helfen, diesen Tempel zu bauen.

In deiner Rede klingt das wie ein Vermächtnis. Bevor du abtrittst, willst du der Elite deines Volkes einschärfen: „Sucht Gott!“ Ich verstehe deinen Appell.

Doch dass der Appell von dir kommt – das bereitet mir Probleme. Es fällt mir schwer, mir das von dir sagen zu lassen. Wenn ich auf die Berichte über dich schaue, kann ich an vielen Stellen nicht erkennen, dass du Gott gesucht hast. Du hast viele attraktive Frauen in deinem Harem gehabt und trotzdem die Frau eines anderen in dein Bett geholt (2 Sam 11,2-5). Du hast, um das zu vertuschen, ihren Mann ermorden lassen (2 Sam 11,14-17). Du hast nicht nur Angriffskriege gegen Nachbarvölker geführt (u. a. 2 Sam 8,1; 11,1; 12,26-31), sondern systematisch zwei Drittel der Männer des Volkes Moab ermorden lassen (2 Sam 8,2). Dein eigenes Volk hast du mit Zwangsarbeiten beschwert (1 Kön 12,4).

Hast du bei alledem Gott gesucht oder nicht vielmehr deinen eigenen Vorteil? Oder hast du gemeint, du könntest Gott finden, ohne deine Mitmenschen zu suchen und sie gut zu behandeln? Das lässt sich aber nicht voneinander trennen – das gehört doch zusammen: Gott lieben und den Mitmenschen lieben.

Darum fällt es mir schwer, mich von dir zur Gottessuche mahnen zu lassen. Wie du dich verhalten hast, das passt oft schlecht zu dieser Mahnung.

Freilich: Wenn ich mich selbstkritisch betrachte, muss ich zugeben: Ich kenne das auch von mir. Ich mahne Menschen von der Kanzel, so und so zu handeln – und schaffe es selbst nicht, das in meinem Alltag umzusetzen. Auch bei mir stimmen die Worte und die Werke längst nicht immer überein.

Offenbar hast du eingesehen, dass es einen solchen Zwiespalt bei dir gibt. Ich lese das in derselben Rede, in der du andere mahnst, Gott zu suchen. Du berichtest: Ich wollte Gottes Tempel bauen, aber er sprach zu mir: „Du hast viel Blut vergossen und große Kriege geführt; darum sollst du meinem Namen nicht ein Haus bauen …“ (1 Chr 22,8 - LUT 2017). Also warst du dir dessen bewusst: „Ich habe viele Menschen getötet. Ich bin mit schwerer Schuld belastet.“

Weißt du: Dass du deine Schuld eingestehst – das hilft mir, dir deine Worte doch abzunehmen. Vielleicht hast du gerade wegen deiner Schuld betont: „Es ist wichtig, Gott zu suchen.“ Vielleicht hat dich gerade dein Schuldbewusstsein zu Gott hingetrieben - weil du gespürt hast: „Ich brauche ihn. Ich brauche sein Wort. Das Wort, das mich richtet, das mich korrigiert, das mich vom falschen auf den richtigen Weg lenkt.“


Kommentare

Von Rainer am .

Vielen Dank für die so ansprechend gemachte Andacht. Besonders gefällt mir der vergebende Inhalt. Sehr interessant ist auch die Ausdrucksweise indem direkt mit David "gesprochen" wird. Sehr interessant und eine willkommene Abwechslung zu der sonst üblichen "Andachtsweise" in erzählend-erklärender Form.


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