/ Wort zum Tag

Strafe erlassen

Jürgen Werth über Psalm 32,2.

Er hatte scharf gepfiffen und uns mit einer energischen Bewegung seines weiß behandschuhten Armes zu sich zitiert. Meiner Oma und mir schlotterten die Knie. Ich war fünf oder so. Wir hatten nur mal schnell über die Straße huschen wollen. Weil wir es eilig hatten. Wir wollten doch Opa sein warmes Mittagessen in die Fabrik bringen. Im Henkelmann. Doch der Polizist, den alle damals „Schutzmann“ nannten, hatte die Straße noch längst nicht für uns Fußgänger freigegeben. Nun blickte er ernst von seinem Podest auf uns arme Sünder herab. „Kommen Sie heute Nachmittag um 3 auf die Wache! Ich werde Sie mit vier Wochen Verkehrsunterricht bestrafen müssen!“ Dann notierte er Omas Namen und ihre Adresse. Na, das konnte ja heiter werden!

Am Nachmittag dann standen wir ihm kleinlaut gegenüber. Ohne Podest sah er gleich viel menschlicher aus. Beinahe freundlich sogar. Er redete uns ins Gewissen. Oma hauptsächlich, klar. Dass das ja nun nicht geht! Dass das ausgesprochen gefährlich ist! Und dass meine Oma ja nun auch eine Vorbildfunktion habe für mich kleinen Knirps. Wir nickten schuldbewusst. Besonders ich. Oma hatte gesagt, ich sollte ihn dabei möglichst treuherzig anschauen. Und es wirkte. Er machte eine Pause. Dann sagte er: „Also gut, ich will Ihnen den Verkehrsunterricht diesmal erlassen! Aber dass mir das nicht wieder vorkommt.!“ „Nein! Nein! Nein!“ nickten und strahlten wir um die Wette. Und schwebten anschließend selig nach Hause. Unser Delikt war uns nicht angerechnet worden! Kein Verkehrsunterricht! Wir waren frei! Wir waren begnadigt! Wie wunderbar! Und wir waren fest entschlossen, dass wir uns künftig gehorsam an ihn und seine Anweisungen halten. Aus Angst. Und zu unserem eigenen Schutz.

Begnadigt werden tut unendlich gut. Von Menschen schon. Wieviel mehr aber von Gott! Begnadigung ist die Mitte des Evangeliums von Jesus. Menschen können neu anfangen. Die Last der Vergangenheit ist weg, die Schuld vergeben, ja sogar versenkt im Meer der Liebe Gottes. Und am Ufer dieses Meeres ist ein Schild eingerammt: „Angeln verboten!“ So hat das Corrie ten Boom einmal gesagt.

Angeln verboten ... Das ist dann noch einmal anders als das, was Oma und ich mit unserem Schutzmann erlebt haben. Hätte er uns noch einmal erwischt, wären wir dran gewesen. Doppelt. Dann wäre die Strafe umso saftiger ausgefallen. Die erlassene Strafe für unseren ersten Verkehrsdelikt hätte er glatt auf die neue Strafe aufgeschlagen. Klar, wir wären ja Wiederholungstäter gewesen.

Bei Gott aber gibt es keine Wiederholungstäter. Was Gott vergibt, ist vergessen.

Ein Freund in den USA hat es einmal so gesagt: Wenn du mit derselben Schuld zu Gott kommst und sagst: Vergib! Es ist mir schon wieder passiert!, antwortet er: Was meinst du mit „schon wieder“?

Kann ich das glauben? Manchmal nicht, ich geb‘s zu. Weil das so anders ist als alles, was ich bei uns Menschen erlebe. Weil das einfach nicht von dieser Welt ist.

Der Autor des Liedes, das unsere Bibel als Psalm 32 verzeichnet, hat das geahnt. Wir heute können es wissen. Weil Gott es belegt hat. Jesus ist Gottes ewiger Barmherzigkeitsbeleg. Sein Tod am Kreuz, seine Auferstehung belegen das, was der Prophet Jesaja schon angekündigt hatte: „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,5) Auf ewig geheilt.

Gott vergibt. Er räumt beiseite. Er räumt weg. Und er räumt behutsam auf, was da alles an Unordnung ist in unseren Gedanken und Gefühlen. Alles was wir tun müssen, was wir tun dürfen jeden Tag, ist ihm unsere Herzen und Hände hinhalten und bitten: „Rechne mir meine Schuld nicht an. Und nimm alles Falsche aus meinem Leben!“



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Kommentare

Von Günther D. am .

Danke für die wunderbare Wegweisung für diesen Tag, lieber Jürgen. Ganz neu habe ich gehört: Was Gott vergibt, ist vergessen. Wie tröstlich ist das!


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