/ Wort zum Tag

Reihenfolge aufgehoben

Wolfgang Ortmann über Matthäus 20,16.

Bibelvers

So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Matthäus 20,16

Ich sitze im Wartezimmer einer Arztpraxis. Sieben Personen sind schon da. „Na, das kann ja dauern“, geht es mir durch den Kopf. Alle hängen ihren Gedanken nach. Langsam füllt sich der Raum.

Dann wird Frau Müller aufgerufen. Sie war die Letzte, die herein kam, Nummer 14, jetzt ist sie die Erste. Langsam kriecht Ärger aus meinem Bauch in den Kopf. „Wenn das hier so geht, bin ich womöglich der Letzte, der dran kommt. Wofür hab‘ ich dann einen Termin gemacht?“ Mein Blick fällt auf einen Aushang neben der Tür. Da wird erklärt, dass wir nicht in der Reihenfolge unseres Eintreffens aufgerufen werden. Es gibt vielmehr verschiedene Terminpläne für die drei Ärzte dieser Praxis, fürs Labor oder andere Untersuchungen. So hat dann wohl jeder seinen Termin im Gesamtplan. Weitere Patienten kommen herein. Außer Frau Müller werden drei andere aufgerufen. Und dann bin ich dran. Schon. Aber es gibt ja hier keine Reihenfolge. Und ich denke, jeder ist mit seinem Anliegen wichtig.

Im Matthäusevangelium, Kapitel 20, Vers 16 heißt es: „So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“

Das ist eine Anmerkung Jesu. Und ich könnte den Eindruck haben, Jesus dreht eine Reihenfolge einfach um. Die Nummer 10 wird die Nummer 1 und die Nummer 1 wird die Nummer 10, einfach so. Aber das meint Jesus wohl nicht. Er hebt eine Reihenfolge einfach auf.

Eine Reihenfolge ist für uns zumeist auch eine Rangfolge und hat mit Wertigkeit oder Leistung oder dem zu tun, was wir haben. Er hat am meisten gearbeitet, sie am wenigsten. Sie hat die beste Beurteilung, er die schlechteste. Sie ist am freundlichsten, er ist der Unfreundlichste, den ich kenne. Er hat den größten Besitz, sie hat so gut wie nichts. Sie ist total kommunikativ, er völlig in sich gekehrt.

Und zwischen dem einen und dem anderen gibt es eben viele Abstufungen auf Grund der Wertigkeit oder der Leistung.

Natürlich kann man diese Rangfolgen einfach umkehren. Statt zu sagen, er hat am meisten gearbeitet, sie am wenigsten, sagen wir dann, sie hat am wenigsten gearbeitet, er am meisten. Aber das ändert nichts daran, dass wir oft andere und uns selbst bewerten und einordnen.

Jesus erzählt eine Geschichte von einem Weinbauern. Der stellt im Laufe eines Tages alle drei Stunden neu Tagelöhner für die Arbeit in seinem Weinberg ein. Am Abend zahlt er den Tageslohn aus. Jeder bekommt ihn, ob er nun zwölf Stunden oder nur eine Stunde gearbeitet hat. Ein Tagelöhner beschwert sich. Aber der Weinbauer fragt: „Kann ich nicht tun, was ich will oder bist du neidisch, weil ich großzügig bin?“

Mit dieser Geschichte erklärt uns Jesus, dass wir bei Gott nicht in eine Rangfolge eingeordnet werden. Wir alle haben bei ihm den gleichen Wert. Seine Liebe, seine Großzügigkeit, seine Zuwendung gilt uns allen in gleicher Weise.

Derjenige, der in menschlichen Rangfolgen am Ende eingeordnet wird, ist in Gottes Augen genauso wertvoll wie derjenige, der in menschlichen Rangfolgen an erster Stelle steht. Der Letzte ist eben wie der Erste und der Erste ist eben wie der Letzte. Jeder ist bei Gott einmalig. Mit diesem Gedanken können Sie heute mutig und selbstbewusst allen Rangfolgen begegnen, in die Sie eingeordnet werden.


Kommentare

Von Hedy am .

Danke fuer die Auslegung. Sie tut soooo gut. Danke, danke.

Von Thomas D. am .

Danke für die Ermutigung. Ich möchte nicht sein wie der andere.auch nicht besser. Ich möchte dankbar sein das ich das erreicht habe was und wie ich bin.


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