/ Wort zum Tag

Eine vergessene Bitte

Harald Klingler über Matthäus 6,13.

„Erlöse uns von dem Bösen.“ Die letzte Vaterunser-Bitte, die Bitte um Erlösung. So sollen wir beten. So dürfen wir beten. Nicht nur heute. Nicht nur gelegentlich. Immer wieder und inständig. Immer, wenn uns Böses zu schaffen macht oder wir  den Bösen am Werk sehen. Und das ist ja nicht nur an einigen wenigen besonderen Tagen der Fall, sondern täglich, stündlich. Immer, wenn wir uns ausgeliefert erfahren: Erlöse uns! Wenn wir zum Bösen versucht werden: Erlöse uns. Wenn die Nacht der Anfechtung und des Zweifels über uns kommt: Erlöse uns. Wenn unser Glaube auf dem Prüfstand steht und wankt: Erlöse uns! Wenn wir in Ängsten sind und wir keine eigenen Worte zum Beten finden: Erlöse uns! Und erst recht, wenn wir uns sicher meinen, weil das Leben in vermeintlich sicherer Bahn verläuft. Zu oft beten wir diese Bitte nie. Wir beten sie wahrscheinlich viel zu selten.

Im Vaterunser legt uns Jesus die wichtigsten Bitten in den Mund und ans Herz, die wir vor den himmlischen Vater bringen können. Mit der Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ gestehen wir ein, mit dem Bösen nicht allein zurecht zu kommen, nicht selbst fertig zu werden. Wir gestehen unsre Schwachheit  ein, wie versuchbar wir sind. Wir bitten inständig, dass Sünde, Tod und Teufel, aber auch alles andere Böse uns nicht mehr im eisernen Griff haben sollen. Fügen Sie jetzt in Ihren Gedanken das Böse ein, das Ihnen gerade zu schaffen macht. Erlöse mich, Herr!

Wir erleben die Welt und unser Leben unerlöst. Es geschieht viel Unbegreifliches und unbegreiflich Schlimmes. Es gibt so viel Unrecht und Gewalt, so viel Zweifel, Klein- und Unglaube. Menschen müssen unsäglich leiden. Die einen, weil Krankheit und unbegreifliches Geschick über sie gekommen sind. Andere, weil sie in einem Land leben, das von Hunger, Terror oder Krieg heimgesucht wird. Wieder andere, weil sie von Menschen oder einem System verachtet, bedrängt, missbraucht und ausgenutzt werden. Das Böse hat tausend Gesichter. Und der Böse auch. „Erlöse uns von dem Bösen.“

Wir bedenken diese sehnsuchtsvolle Vaterunser-Bitte in der Karwoche. Durch sein Leiden, Sterben und Auferstehen hat Jesus Christus das Böse besiegt und alles getan, was zu unsrer Erlösung nötig ist. Er bezahlte am Kreuz mit seinem Leben für unsre Schuld, er versöhnte uns mit Gott und überwand die Sünde. Er trug das Gericht, das uns galt, und übernahm unseren Tod. Am Ostermorgen führte er als Sieger die Mächte des Bösen gefangen und überwunden in einem Triumphzug vor – so wie siegreiche Feldherrn ihre Gefangenen unter dem Jubel der Menge durch die Straßen Roms führten.

Karfreitag und Ostern zeigen: Die Mächte des Bösen sind besiegt. Jesus hat das Werk der Erlösung vollbracht. Wir sind schon gerettet. Auch wenn wir noch die Macht und die Mächte des Bösen erleben und unter ihnen leiden. „Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht“, heißt es in einem Lied. Auch wenn der Tod noch schrecklich Ernte hält und wir alle ihm nicht entrinnen werden – dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht. So bitten wir sehnsuchtsvoll um Erlösung vom Bösen. Damit bitten wir, dass doch der Tag kommen möge, an dem wir endgültig frei werden vom Terror des Bösen und einstimmen können in das Freudenlied der Erlösten. Der Tag, an dem der Sieg Jesu für alle sichtbar sein wird und alle das Heil unsres Gottes schauen dürfen, die beten: „Erlöse uns von dem Bösen.“

Noch sind wir nicht am Ziel. Noch sind wir unterwegs. Mitunter auf steilen Wegen unterwegs, aber dennoch hoffnungsfroh, vertrauensvoll, getrost. Denn wir kennen unseren Erlöser, Jesus, unseren gekreuzigten und auferstandenen Herrn.


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