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Blickfang

Klaus Jürgen Diehl über Hebräer 12,2.

Bibelvers

Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

Hebräer 12,2

Wovon werden Sie am heutigen Tag Ihre Blicke gefangen nehmen lassen? Was wird Sie reizen, einmal genau hinzusehen? Was kann Ihnen helfen, einen neuen Blickwinkel einzunehmen, der Sie vom Alltagstrott ablenkt? Der Schreiber des Hebräerbriefes ermuntert uns  dazu: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens!“

Nun, es geht nicht darum, zu Jesus aufzusehen wie man zu einem viel umjubelten Star aufsieht, der uns wie ein Held turmhoch überlegen ist und der das Bad der Menge genießt. Der Jesus, zu dem wir aufblicken sollen, ist kein Superstar, der vom Himmel aus überlegen lächelnd auf uns herabschaut, sodass wir uns hier auf der Erde wie arme, kleine Würstchen  vorkommen müssten. Nein, es ist der Jesus, der selber manchen inneren Kampf bestehen musste. Der selber - wie der Verfasser des Hebräerbriefes schreibt – „mit lautem Schreien und Tränen“ vor Gott sich dazu durchgerungen hat, den Weg des Gehorsams bis zum bitteren Tod am Kreuz zu gehen.

Aufsehen sollen wir also zu dem Jesus, der da am Kreuz hängt und uns damit vor Augen führen, dass eben dies der Grund für unsere Erlösung, unser Heil in Zeit und Ewigkeit ist. „Hat dann auch an mich gedacht, als er rief: Es ist vollbracht!“, heißt es in einem alten Passionslied. Zu Jesus, dem Gekreuzigten, aufsehen bedeutet: Dankbar dafür zu sein, dass Jesus aus lauter Liebe zu uns zum Äußersten, nämlich der Hingabe seines Lebens bereit war.

Vermutlich kennen Sie das berühmte Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald. Es ist ja eine Darstellung der Passion Jesu von einem geradezu grausamen Realismus. Nie zuvor ist das Geschehen auf Golgatha derart schockierend als ein  so qualvolles Leiden und Sterben dargestellt worden. Die Dornen einer zur Verspottung auf das Haupt Jesu gedrückten Dornenkrone lassen aus zahlreichen Wunden das Blut über sein Gesicht laufen. Die Lippen sind blau angelaufen. Stacheln von der Geißelung durch die römischen Soldaten stecken im Oberkörper und den Armen. Dazu weist der Körper eitrige Schwären auf. All das ein Bild der totalen Erniedrigung und Zerstörung der menschlichen Natur Christi.

Und nun stellen Sie sich bitte vor, dass dieses so erschreckend grausame Bild des Gekreuzigten nicht auf dem Altar einer ehrwürdigen Kirche aufgestellt wurde, sondern im Krankensaal des zum Antoniter-Orden gehörenden Spitals in Colmar im Elsass. Dieser Bettel-Orden der Antoniter nahm sich im Mittelalter besonders der Menschen an, die an der weit verbreiteten Mutterkornvergiftung erkrankt waren, was starke, brennende Schmerzen auslöste und häufig zum Tode führte.

Indem den schwer Erkrankten nun das Bild des Gekreuzigten vor Augen gestellt wurde, wollte man ihnen die Botschaft weitergeben: „Seht, da hängt einer, der wie ihr große Schmerzen und schlimmes Leid erdulden musste. Der kann wie kein anderer mit eurer Not mitfühlen, denn er hat sie selbst ertragen. Und eben der ist euer und unser aller Heiland und Erlöser!“

Darum kann uns auch heute der Blick auf den Gekreuzigten stärken und Mut machen: Was immer an Leid und Not uns bevorstehen mag, Jesus ist bei uns. Er lässt uns nicht los und bringt uns ans Ziel. 

 


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