/ Wort zum Tag

Unverdient

Bärbel Wilde über Jeremia 31,34.

Bibelvers

Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Jeremia 31,34

Johann-Hinrich Wichern war ein Wegbereiter für christlich-soziales Engagement. 1833 gründete er - 25-jährig - in Hamburg das Rauhe Haus. Hier sollten junge Menschen, die auf die schiefe Bahn gekommen waren oder sonst völlig allein dastanden, Hilfe und Heimat bekommen. Seine Mutter und seine Schwester unterstützten ihn, damit milieugeschädigte Jugendliche in einer Atmosphäre des Vertrauens neue Lebensorientierung finden konnten. 

Einmal wurde ein verwahrloster Junge zu ihm ins Arbeitszimmer gebracht. Ein Betreuer überreichte auf einigen Papieren die vernichtende Beurteilung dieses Jungen. Er war straffällig geworden, war von einem Heim ins andere abgeschoben worden, aus anderen war er weggelaufen. Seine Vergangenheit war so, dass er sich die Zukunft verbaut hatte. Wichern nahm die Papiere und hielt sie an die Kerze auf seinem Schreibtisch. Als sie Feuer fingen, warf er die brennenden Blätter in den Kamin. Er wartete, bis sie verbrannt waren. Dann wendete er sich dem Jungen zu und sagte: „Hier wird keiner auf seine Vergangenheit festgelegt. Bei uns kann jeder neu anfangen. Sieh um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist! Hier ist kein Riegel, keine Mauer, kein Graben. Nur mit einer starken Kette binden wir dich hier. Du magst sie zerreißen, wenn du kannst. - Sie heißt Liebe.“

Wichern hatte die Liebe Gottes in seinem eigenen Leben erfahren. Er hatte erkannt, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, die Schuld der Welt auf sich nahm, als er damals am Kreuz vor den Toren der Stadt Jerusalem starb. Wichern hatte an einem Punkt seines Lebens dieses Geschehen ganz persönlich auf sich bezogen: Jesus starb auch für mich. Gott verbrennt mein Sündenregister.

Der Prophet Jeremia kündigte schon Jahrhunderte vor der Geburt Jesu einen neuen Bund zwischen Gott und seinem Volk an. In dem Losungswort für heute übermittelt er das Wort Gottes: „Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“

Der Gottesleugner Voltaire sagte einst höhnisch über Gott: „Vergeben ist sein Metier.“ Dann wäre egal, wie wir leben. Gott wird schon ein Auge zudrücken. Aber der Gott, wie er sich uns in der Bibel vorstellt, ist anders. Er nimmt die Sünde ernst. So ernst, dass sein Sohn Jesus Christus dafür ans Kreuz ging. Vergebung. Sie ist nicht Gottes Metier, sondern seine unverdiente Gnade. Mit der Bitte um Vergebung kann jeder zu Gott kommen egal, was war. Es gibt nur eins, das größer ist als unsere Schuld; das ist Gottes Vergebung.

Diese Erfahrung war für Wichern der Schlüssel für seine liebevolle Zuwendung zu Menschen am Rand der Gesellschaft.

Vergebung hat eine Konsequenz, so wie wir im Vater Unser beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.

Ein alter Mann sagt im Rückblick auf sein Leben, in dem er viel Schlimmes erlebt hat: „Um inneren Frieden zu finden, musste ich den Hass ablegen. Ich habe vergeben, aber vergessen kann ich niemals.“ Da kann ein Mensch vergeben. Wer das kann, wird neue Kraft und Frieden für sein eigenes Leben erfahren. Wer nicht vergeben kann, wer angetanes Leid weiter mit sich herumträgt, ist selber der Leidtragende. Was wir nachtragen, daran haben wir zu tragen. Nur durch die Vergebung werden wir frei von dem, was andere uns angetan haben.

Gott vergibt uns nicht nur, sondern er vergisst sogar, wenn er vergeben hat. 

Gott verspricht: Ich will ihrer Sünde nie mehr gedenken. Das können wir kaum verstehen, weil uns das Vergessen andern gegenüber noch schwerer fällt als das Vergeben. Wir können nur staunen über die Barmherzigkeit Gottes

Wichern wusste sich von Gott geliebt und von seinen Sünden befreit. So wollte er auch anderen Menschen begegnen. Darum gab es für ihn keine hoffnungslosen Fälle.

Bei Gott kann jeder neu anfangen, der ihn darum bittet. Gottes Liebe gibt keinen auf. Er will, dass alle ihn kennenlernen, Große und Kleine. Er verbrennt die Hypotheken unserer Schuld. Er vergisst die dunkle Vergangenheit und schenkt Zukunft.

Wenn Gott uns vergibt, sehen wir die Welt mit anderen Augen an. Wir bekommen einen barmherzigen Blick für andere. So möchte auch ich heute anderen Menschen begegnen.


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