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Harald Klingler über Lukas 15,21-22.

Bibelvers

Der Sohn sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen

Lukas 15,21–22

Lange hatte er gezögert, den Gedanken zu Ende zu denken. Seinen Stolz musste er überwinden, aber auch seine Scham. Ein starkes Stück hatte er sich geleistet. Er hatte sich sein Erbe auszahlen lassen und war in die Fremde gezogen. Die Bande zum Vaterhaus hatte er durchtrennt. Doch seine Not war jetzt so groß, dass er keinen anderen Ausweg mehr wusste. Er beschloss, heim zu gehen. Er hoffte, dass der Vater ihn trotz allem nicht gleich vor die Tür setzen werde. Einen Job, den sonst keiner zu machen bereit war, würde er hoffentlich bekommen. Mehr erwartete er nicht. So machte er sich auf den Weg.

Er überlegte sich genau, was er sagen will. Ungezählte Male legte er sich den Satz zurecht. Nur kein falsches Wort! Ihm war klar: Sein Verhalten war nicht richtig gewesen. Was er seinem Vater angetan hatte, tut ein Sohn nicht. Nichts konnte ihn entschuldigen. Was würde der Vater sagen, wenn er vor ihn tritt? Würde er ihn abweisen? Würde er seine Bitte hören? Alles war drin. Der Heimweg war weit. Je mehr er sich dem Vaterhaus näherte, umso schwerer wurden die Schritte und Gedanken, umso banger das Herz.

Was dann geschah, davon hatte er nicht zu träumen gewagt. Als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater – und lief ihm eiligen Schrittes, so schnell er konnte entgegen. Und nahm ihn in seine Arme und küsste ihn. Er beachtete nicht die zerschlissenen Kleider, den Schweiß, den Staub der Straße, den Dreck der Gosse und den geschehenen Bruch. Mit vielem hatte der Sohn gerechnet. Aber damit nicht. Keine doch so berechtigten Vorwürfe. Keine kühle Abweisung. Kein: „Das werde ich dir nie verzeihen!“ Nein, stattdessen freudiges Willkommen, herzliche Umarmung, liebevolle Küsse.

Glücklicherweise hatte der Sohn sich so oft vorgesagt, was er sagen wollte, wenn er seinem Vater unter die Augen treten würde. So stammelte er jetzt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße.“ Weiter kam er nicht. Die Bitte um einen kleinen Job, mit dem er sein Leben fristen könne, konnte er nicht mehr los werden. Denn der Vater gab Befehl: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an die Hand und Schuhe an seine Füße.“ Das sagte er, als wäre nichts gewesen. Als hätte der Sohn sich sein Erbe nicht ausbezahlen lassen, als wäre er nicht in die Fremde gegangen und in der Gosse gelandet. Das sagte er, obwohl ihn sein Sohn so sehr enttäuscht, verletzt, entehrt hatte. Ein sonderbarer, ein besonderer Vater. Er nimmt seinen verlorenen Sohn wieder ins Vaterhaus auf und gibt ihm uneingeschränkt das Sohnesrecht zurück.

Jesus erzählt von diesem Vater in seinem wohl bekanntesten Gleichnis. Er zeigt: So ist der himmlische Vater. Und sagt uns: du darfst immer zu ihm kommen. Ja, wir dürfen zu ihm kommen, auch wenn wir ihn verletzt, verlassen und verraten hatten. Wir dürfen in Lumpen kommen und auch in feinen Tüchern. Wir dürfen kommen und sagen: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Kind heiße.“ Wir dürfen die überwältigende Erfahrung seiner über Erwarten großen Liebe machen. Welch ein Vater!

Lassen Sie sich nicht durch Stolz und Scham hindern, den Weg zurück ins Vaterhaus Gottes zu gehen. Auch nicht durch die Sorge, Sie könnten keine Gnade finden. Und nicht durch die Meinung, Ihre Schuld sei zu groß. Der himmlische Vater wartet sehnsüchtig auf Sie. Er kommt Ihnen schon entgegen. Er wartet darauf, Sie in seine Arme zu schließen und Ihnen alles zu geben, was sie zu einem Kind Gottes macht. Zögern Sie nicht. Wer Sie auch sind, was auch geschah: Sie werden erwartet. Sie sind ihm willkommen.


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