/ Wort zum Tag

Gott ist sehr gnädig

Horst Marquardt über Nehemia 9,31.

Bibelvers

HERR, nach deiner großen Barmherzigkeit hast du mit deinem Volk nicht ein Ende gemacht noch es verlassen.

Nehemia 9,31

Er hatte das Volk zu einem großen Bußgottesdienst eingeladen (Neh. 8.9). Auch wenn es für viele unangenehm gewesen sein mag, an die Vergangenheit erinnert zu werden, Sünde wurde beim Namen genannt. In dieser Beichte ging es allerdings nicht nur um eigene Übertretungen. Das ganze Volk tat Buße. Die Leviten erinnerten an Gottes Führung. Sie blickten weit zurück, begannen mit dem Einzug Abrahams ins verheißene Land, erinnerten an die Gefangenschaft in Ägypten, die göttliche Versorgung in der Wüste, sprachen auch von den Übertretungen göttlicher Gebote und der Bitte um Vergebung, wenn sie mit ihrer Schuld konfrontiert wurden. Nach Zeiten der Not ging es dem Volk Gottes wieder besser, alle wurden satt und fett (Neh. 9,25). Es zeigte sich allerdings  - schon damals - das Wirtschaftskonjunktur und „Wirtschaftswunder“ selten gut bekommen.

Der Gottesdienst, von dem hier die Rede ist, dauerte einen halben Tag, ein Vierteltag fürs Gebet, ein Vierteltag fürs Bibellesen. Die reichlich vorhandene Zeit wurde genutzt, um die ganze Vergangenheit aufzurollen. Das war sehr ernüchternd. Es zeigte sich: Immer, wenn es dem Volk wieder gut ging, versündigte es sich erneut. Gottes Ordnung wurde missachtet. Das Volk wurde ungehorsam und hochmütig. Statt über alle erlebten Wunder dankbar anzubeten, ließ sich das Volk auf fremde Gottheiten ein und schuf sich eigene Ordnungen. Das missfiel Gott. Zur Strafe ließ er Feinde ins Land. Israel ängstigte sich (Neh. 9, 27) und bat Gott erneut um Hilfe. Der erhörte das Flehen und vertrieb die Feinde. Israel konnte aufatmen.

Es kam zu einem Rhythmus von Schuld und Vergebung. Fast ermüdend liest sich: „Sie empörten sich gegen dich – du gabst sie in die Hand ihrer Bedränger– sie schrien zu dir – du gabst ihnen Rettung.“ Obwohl Gott  alles sah, schlug er nicht zu, sondern schenkte seine Gnade und sein Erbarmen.  Ein unbegreiflich gütiges Handeln. Wenn ich dieses Auf und Ab von Gottes Volk bedenke, komme ich nicht umhin, an mein Leben zu denken und an das meines Volkes. Da gibt es auch manche Verfehlung, aber auch die Gnade der Vergebung, auch das wiederholt.

Mit Recht sprach man nach der kargen Nachkriegszeit vom Wiederaufbau,  vom Wirtschaftswunder und der „Auferstehung aus Ruinen“. Leider dankten die meisten Deutschen dem großen Gott, der den Aufstieg ermöglichte, nicht in gebührender Weise. Von 1945 bis in die Fünfzigerjahre sagten sehr viele bewusst: Gott sei Dank. Später pries man oft die eigenen Fähigkeiten und den Erfindergeist.  Immer weniger Menschen fragen in unsern Tagen  nach Gott. Wieviel Unheil, wie viel kurzsichtige Ideologien, wie viel blinder Fanatismus, aber auch hoffnungsloses Verzagen kann vermieden werden, wenn man die Geschichte mit Glaubensaugen betrachtet und wenn man begreifen lernt, dass hinter allem Geschehen der große Gott wirksam ist.

Ich will heute und in Zukunft bedenken, was Nehemia betete: Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit hast du mit ihnen (und uns) nicht ein Ende gemacht, noch sie verlassen; denn du bist ein gnädiger und barmherziger Gott (Neh. 9,31).


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