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Weihnachten 1945

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg.

Der Krieg ist zwar vorbei, aber der Bruder vermisst gemeldet, die Mutter im Mai an einer Lungenentzündung gestorben, weil es keine Medikamente gab - Werner Reh erinnert sich im Gespräch mit Martina Eibach an ein trauriges Weihnachtsfest.

Heiligabend 1945. Werner Reh besucht mit seiner Familie den Weihnachtsgottesdienst. Zuhause liest sein Vater nach dem gemeinsamen Essen wie gewohnt einen Abschnitt aus der Bibel. Die Stimmung ist gedrückt. Gerade an diesem Abend sind die Gedanken bei der verstorbenen Mutter und dem vermisst gemeldeten Bruder Alfred. Der damals 17-Jährige kann die Trauer nicht aushalten und verbringt den restlichen Abend bei seiner Tante und dem gleichaltrigen Cousin im Nachbarhaus. „Nachher habe ich immer gedacht: Was hast du deinem Vater angetan? Ich hab mich einfach abgemacht. Selbst im Alter vergisst man das nicht“, erzählt er.  


Bis heute denke ich oft an den gefallenen Bruder

Sein Bruder Alfred war zwei Jahre älter als er und schon in der Ausbildung, als er in den Krieg eingezogen wird. Bis heute denkt er fast jeden Tag mal an ihn, sagt der 90-Jährige, der sein Leben lang in Eschenburg-Simmerbach (Lahn-Dill-Kreis) gewohnt hat.  „Er ist nach Butzbach auf die Offiziersschule gekommen und Ende 1944 dann in den Elsass an den sogenannten Blutkopf“, berichtet er. „Wenig später erhielten wir die Nachricht, er sei vermisst.“  
Doch die Familie ahnt, dass er nicht mehr am Leben ist. Eineinhalb Jahre später wird die Ahnung zur Gewissheit. Eine französische Familie findet seinen Leichnam mit einem Splitter im Stahlhelm und seinen Ausweis. 

Entschieden für Jesus Christus  

„Es war keine einfache Zeit, aber wir haben versucht, das Beste draus zu machen", sagt Werner Reh über die Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs. Prägend für die Familie ist der christliche Glaube. Von Kind an geht er mit seinen Eltern in die Freie evangelische Gemeinde in Simmersbach. „Die Gemeinschaft in der Sonntagsschule war sehr schön“, erinnert er sich. „Wir waren die Versammlungsjungen und hielten zusammen.“ Während einer Evangelisation im März 1943 entscheidet er sich bewusst für ein Leben mit Jesus Christus. Es ist eine Entscheidung, die ihn sein Leben lang durchgetragen hat. 
„Politik spielte in unserer Familie keine Rolle und wir wurden auch nicht nationalsozialistisch erzogen“, sagt Reh. Dennoch muss er zugeben: „Eine gewisse Faszination ging schon von Hitler und auch dem Krieg aus. Alleine, dass wir Uniformen bekamen als wir mit 10 Jahren zum Jungvolk und später in die Hitlerjugend kamen, hat uns begeistert.“ 

Engagiert im Jungvolk und der Hitlerjugend

Werner Reh übernimmt später sogar die Leitung der Jungvolk-Gruppe. Ein anderer Junge aus der Gemeinde führte die Hitlerjugend an. Ganz bewusst hätten sie dies als Christen getan. „Der Ortsgruppenleiter brachte mir ein Buch „Gestaltung der Idee“ - das war ein schlimmes Buch“, sagt Reh über die Schrift von Alfred Rosenberg, einem führenden Ideologen der Nationalsozialisten. Sie hätten nie weltanschauliche Schulungen gemacht und so glaubt er, dass sie die jungen Leute vor manchem verschonen konnten. 

Extraschicht für die Soldaten in Stalingrad

Nach dem Abschluss der Schule beginnt Werner Reh 1942 eine Ausbildung in einem Sägewerk. Ganz selbstverständlich ist er mit großem Einsatz dabei, als unbezahlte Sonderschichten eingelegt werden müssen. Sein Betrieb gilt als Rüstungsbetrieb und bekommt den Auftrag für Behälter, die mit Flugzeugen über dem Kessel von Stalingrad abgeworfen werden, die Beschläge herzustellen. Die Extraarbeit habe er mit großem Einsatz gemacht, denn man dachte ja, den Soldaten auf diese Weise helfen zu können.  

„Was in Stalingrad passiert ist, ist furchtbar“, sagt er rückblickend. „Viele Menschen sind schrecklich umgekommen, weil Hitler und Himmler immer noch glaubten, sie würden die Russen besiegen.“  

Der Krieg hatte uns voll eingenommen

Spannend wird es für die Jungen, wenn ältere Freunde aus der Gemeinde auf Urlaub aus dem Krieg kommen und von ihren Erlebnissen berichten. Bis in die späte Nacht lauschen die Jüngeren den Geschichten von Abenteuern, Heldentaten, aber auch von Leid und Verwundungen. 

Je länger der Krieg dauert, desto näher rückt auch eine Einberufung für ihn. 1944 muss er für vier Wochen  zur vormilitärischen Ausbildung nach Belgien. „Ein Freund, der nur ein Jahr älter war als ich, ist im Dezember 1944 nach Königsberg gekommen und hat nicht mehr lange gelebt“, berichtet Reh. Er selbst wird verschont. Als er und weitere Jungen Anfang Mai abgeholt werden sollen, verstecken sie sich. Wenige Tage später ist der Krieg vorbei. 

Langsam entwickelte sich ein normales Leben

„Das ist eine Zeit, die man nicht vergisst“, resümiert der 90-Jährige. Langsam entwickelt sich wieder ein normales Leben. Er heiratet 1953. Dem Paar werden drei Kinder geschenkt. Reh arbeitet weiter im Sägewerk, der späteren Firma Holighaus. Nebenberuflich baut Werner Reh noch eine Versicherungsagentur auf. 

Zu der Familie, die den Bruder einst gefunden und beerdigt hat, entwickelt sich über die Jahre eine Freundschaft. Auch sie hat unter dem Krieg gelitten. Ihr Sohn war in Deutschland im KZ gewesen, nur weil er abends in der Wirtschaft mal gelacht hatte und das zwei deutschen Offizieren nicht gepasst hatte. Zuletzt war Werner Reh vor zwei Jahren noch einmal im Elsass, aber „jetzt ist es nicht mehr so schön, weil die Leute nicht mehr leben“, sagt er.

Gott hat mich immer getragen

„Wenn ich zurückschaue“, fährt er fort, „dann muss ich sagen: Gott hat mich getragen. In all den schwierigen Zeiten bin ich nie in ein tiefes Loch gestürzt, auch jetzt nicht als Witwer.“ Im Dezember vor sechs Jahren ist seine Frau verstorben. Natürlich vermisse er sie, aber an jedem Tag, an dem es ihm noch gut geht, wolle er dankbar sein, auch für die lange Zeit, die sie gemeinsam verbringen durften.
Als der Pfarrer an seinem 90. Geburtstag auf sein Leben zurückgeblickt und anschließend gebetet hat, seien ihm die Tränen gekommen, erzählt Werner Reh zum Abschluss des Gesprächs. „Ich bin immer ein lustiger Mensch gewesen, aber lustige Menschen sind in der Regel auch weich. Wer lachen kann, der kann auch weinen.“

Werner Reh ist 90 Jahre alt und lebt in Eschenburg-Simmersbach. Der Witwer hat 3 Kinder, 7 Enkel und 7 Urenkel. Zu Weihnachten freut er sich, mit der ganze Familie gemeinsam Essen zu gehen. 

Der Beitrag ist zuerst erschienen in ideaSpezial Advent & Weihnachten 2018.

 



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