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Gnade vor Recht

In diesem Satz findet sich das ganze Evangelium in einer kompakten, kaum zu übertreffenden Konkretion. Vier Hauptworte stecken da drin: Gott – Liebe – Christus – Sünder. Vier Worte voller Kraft, voller Aussagekraft. Und auch ihre Reihenfolge ist voller Bedeutung: Gott steht auf der einen Seite des Satzes, die Sünder auf der anderen Seite. Noch genauer müsste es wohl heißen: Gott steht auf der einen Seite der Kluft, wir Sünder auf der anderen. Denn es geht nicht um Worte ober Konzepte, sondern um unsere Lebenswirklichkeit.

Dass wir Menschen schuldig geworden sind, und immer wieder schuldig werden, aneinander und vor Gott, das hat Paulus am Anfang seines programmatischen Briefs ausführlich dargelegt. In dieser Schuldverfallenheit sind alle Menschen gefangen, die Juden und die übrigen Völker, die Religiösen und die Gottesleugner. Kein Mensch kann aus einer Kraft oder Frömmigkeit vor Gott stehen oder bestehen. „…als wir noch Sünder waren.“ In diesen Satz, in dieses Urteil, stellt sich Paulus selbst voll und ganz hinein. Ja, er bezeichnete sich gelegentlich als den schlimmsten aller Sünder.

So klafft eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Polen: Gott auf der einen, wir Sünder auf der anderen Seite. Und doch: Mitten in dieser Spannung finden sich zwei weitere Begriffe: Liebe und Christus. Und auch hier geht es nicht um Worte oder Theorien, sondern um Realitäten. Zwischen uns und Gott gibt es einen Vermittler. Es ist Jesus Christus selbst. Sein Kommen, sein Leben und sein Sterben sind Ausdruck der alle Grenzen überwindenden Liebe Gottes.

Gott – Liebe – Christus – Sünder. Gott sendet aus Liebe Jesus Christus zu uns, den Sündern. Und so dreht sich die Reihenfolge dann um: Wir Sünder erfahren durch Jesus Christus die Liebe Gottes. Gott kommt in Jesus zu uns, damit wir durch Jesus zu ihm kommen können. So lautet die Reihenfolge: Sünder – Christus – Liebe – Gott.

Dieses Geschehen, diese Umkehrung, fasst die Bibel in einem einzigen Begriff zusammen: Gnade. Gottes Gnade ist es, die uns geschenkt wird, uns geschenkt wurde, als wir noch fern von ihm waren. Es ist Gottes vorauslaufende Gnade, die all das schenkt und all das tut, was wir nicht tun oder erarbeiten können. Es ist seine Gnade, die alles bündelt, in der sich seine Liebe vollende. Es ist die Gnade, die den Vorrang hat vor dem Recht, und gerade dadurch das Recht Gottes neu aufrichtet, das Recht seiner Gnade.


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