/ Wort zum Tag

Heiliges im unheiligen Viertel

Bibelvers

Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

1. Mose 28,17

Meine Frau und ich haben eine Angewohnheit: Wenn wir Städte besichtigen, dann besuchen wir gern Kirchen. Wir staunen über gotische Kathedralen, wie auch über kleine Kapellen.  Immer wieder begegnen wir zwei verschiedenen Menschentypen. Die einen rennen rum und fotografieren und die andern sitzen still da und falten ihre Hände. Die einen suchen das Gespräch mit Gott, die andern sammeln Fotos. Ich frag mich, für wen wird ein bestimmter Platz zu einem heiligen Ort?

Ich denke durch die Begegnung mit Gott wird ein bestimmter Ort geheiligt. Jakob ist auf der Flucht. Er wird sein Heimatland verlassen und erst viele Jahre später wieder heimkehren. In der letzten Nacht auf heimatlichem Boden schläft er ein und träumt. In diesem Traum spricht Gott zu ihm. Jakob ist überrascht. Das hatte er nicht erwartet. Gott begegnet ihm an diesem Ort. Gott verspricht Jakob, dass er in Zukunft bei ihm sein wird. Im ersten Mosebuch klingt das so: Als Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels (1. Mose 28,17).

Klasse, sag ich mir. Wunderbar, wenn man so etwas erleben darf. Gott spricht einen Menschen mitten in der Dunkelheit an. Wo passiert das heute noch? Ich denke an die Leonhardstraße 1 in Stuttgart. Es ist ein Samstagvormittag kurz vor halb elf. Hier in dem Viertel sind nur wenige Leute auf der Straße. Ich laufe an einer Dönerbude vorbei. Auf dem Gehweg rollen noch Bierdosen rum. Ich mache einen Bogen um Erbrochenes von gestern Nacht. Da liegt eine Plastikspritze. Dort hüpfen Tauben den Asphalt entlang. Vor mir eine Straße, wie so viele in den Städten Deutschlands. Die Leuchtreklame an den Fassaden ist verblasst. In der Nacht tauchte sie die Straße in Rot. Ich lese Schriftzüge „Uhu“, „Girls, Girls“ und  „Sansibar“. Wo soll hier ein heiliger Ort sein?

Ich steure auf ein Haus zu. Es hat ein grünes Schild. „Hoffnungshaus“ steht drauf. Die Tür geht auf und Musik dringt nach draußen. Vor der Tür am Fenster steht Werner von der Bar gegenüber. Nein er ist kein Stammgast. Aber ein Teil seiner Mädels sind drin. Diesmal sind sie die Gäste. An einem Tisch wird ein Brettspiel gespielt. An einem anderen Tisch schläft eine Frau mit ihrem Kopf auf der Tischplatte. Dort unterhalten sich zwei Frauen. Hier werden Fingernägel lackiert. Es wird Kaffee getrunken und es ist sauber und gemütlich. Es riecht angenehm frisch. Die Menschen lachen nicht gekünstelt, sondern natürlich. Es gibt keinen Alkohol. Etwas zu Essen steht auf dem Buffet. Häppchen, nichts Besonderes, aber liebevoll gemacht.

Dann stimmt jemand ein Lied an. Es wird irgendwann gebetet. Es wird aus der Bibel vorgelesen. Ist das ein heiliger Ort? Hier wird gemeinsam gelacht, aber auch gemeinsam geweint. So um das Kind, das zur Adoption freigegeben werden muss.  Oder weil einer der Gäste letzte Nacht ausgerastet ist. Nein es ist nicht die heile Welt hier. Eher die kaputte. Hier ist nichts verlogen, hier ist man ehrlich. Hier werden keine großen Reden geschwungen. Hier werden einfach ehrliche Worte gesprochen. Gott begegnet Menschen durch Menschen an diesem Ort. Es sind keine Engel, die hier eine Treppe heruntersteigen. Es sind nur Menschen. Aber die Bewohner dieses Hauses sind Botschafter der Hoffnung, dass Gott auch im Dunkel dieser Welt da ist. „Hier ist nichts anderes als Gottes Haus.“

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