/ Wort zum Tag

Das Tischtuch ist zerschnitten

Jörg Dechert über Jeremia 14,9.

Bibelvers

Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Jeremia 14,9

„Das Tischtuch ist zerschnitten“ - das sagen wir, wenn ein Konflikt zwischen zwei Menschen so eskaliert ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Diese Redensart stammt aus dem 16. Jahrhundert, als bei einer Ehescheidung symbolisch das gemeinsame Tischtuch zerschnitten wurde als Ausdruck der Trennung. Die beiden Eheleute teilen nicht länger Tisch und Bett miteinander. Sie reden nicht mehr miteinander. Sie gehen getrennte Wege. Das Tischtuch ist zerschnitten.

„Das Tischtuch ist zerschnitten“ - so eine Trennung hatte auch der alttestamentliche Prophet Jeremia dem Volk Israel auszurichten. Über Jahre und Jahrzehnte hinweg hatten sie sich immer mehr von Gott abgewandt. Längst brachten sie den Götzen der heidnischen Nachbarvölker mehr Verehrung und Vertrauen entgegen als dem Gott, der sie vor langer Zeit aus Ägypten befreit und ins gelobte Land geführt hatte.

Allen Warnungen und Mahnungen der von Gott beauftragten Propheten konnten das Volk nicht umstimmen, und nun hatte Jeremia von Gott den Auftrag, dem Volk die Konsequenzen seines Verhaltens klar zu machen und anzuzeigen: Das Tischtuch ist zerschnitten. Im vierzehnten Kapitel des Buches Jeremia wird berichtet, wie Gott den Ernst der Lage unterstreicht, indem er eine Dürre über das Land kommen lässt. Der Regen bleibt aus, das Trinkwasser wird knapp, ganze Ernten fallen aus.

In diesem Moment scheinen einige zu begreifen, in welcher Situation sie sich befinden. Auf welche Abwege sie geraten sind. Dass Gott tatsächlich das Tischtuch zwischen ihnen zerschnitten hat. Ohne Versuch der Rechtfertigung räumen sie Gott gegenüber ein: „Ach Herr… unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben!“. So heißt es in Jeremia 14 Vers 7.

Und dann, in Vers 8, klingt es fast ein wenig erschrocken, als sie beten:

Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!

Ich habe den Eindruck, sie können sich noch gar nicht so richtig vorstellen, dass das Tischtuch zwischen Gott und ihnen wirklich zerschnitten ist.
Ist das wirklich wahr, Gott? Du bist doch noch spürbar unter uns, wir wollen das nicht verlieren!
Ist das wirklich wahr, Gott? Jeder weiß doch, dass wir eigentlich dein Volk sind!
Ist das wirklich wahr, Gott? Du kannst uns doch nicht wirklich verlassen!

Der Rest des Buches Jeremia zeigt: Doch, das Tischtuch ist zerschnitten. Gott zieht wirklich Konsequenzen. Das Volk gerät unter fremde Herrschaft, die Führungselite wird abgeführt ins Exil nach Babylon.

Die gute Nachricht ist: Das zerschnittene Tischtuch bleibt nicht Gottes letztes Wort. Was Jeremia als warnender Prophet nur andeuten und ankündigen kann, wird Jahrhunderte später Wirklichkeit, im Kind in der Krippe, im Zimmermann aus Nazareth, im Gekreuzigten von Golgatha, im auferstandenen Jesus Christus:

Gott zieht ein bei allen, die ihm vertrauen.


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