/ Wort zum Tag

Nackt – aber furchtlos

Gerhard Weinreich über 1. Mose 3,9-10

Bibelvers

Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt.

1. Mose 3,9–10

Adam und Eva spazieren im Paradies. Da bleibt sie stehen und fragt ihn: „Liebst du mich?“ Worauf er antwortet: „Wen denn sonst!“

 

Über diesen Witz kann man lachen. Viele lachen grundsätzlich über die biblische Geschichte von Adam und Eva. In ihren Augen ist sie bloß ein uraltes, frommes Märchen. Doch selbst wenn sie nur erfunden sein sollte, was ich nicht glaube, wäre sie eine sehr „wahre“ Geschichte. Denn sie hat bei jedem Menschen den Untertitel: „Fortsetzung folgt!“ Jeder schreibt sie mit seinem Verhalten weiter. Das machen  die Verse aus dem 1. Mosebuch deutlich, in dem es heißt:

„Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich, denn ich bin nackt.“

Typisch Mensch! Man hat Verbotenes getan, wird gesucht. Man versteckt sich, wird entdeckt. Man bekommt Angst, will seine Haut retten. Man flüchtet sich in eine Ausrede, um nichts zugeben zu müssen. Ob das aber ein Ausweg ist?

Ich muss an ein nur 41x28 cm großes Bild denken, das Michelangelo um 1550 mit schwarzer Kreide gezeichnet hat und das heute im Britischen Museum in London hängt. Es ist ein eigenartiges und zugleich einzigartiges Bild. In seiner Mitte Jesus, wie alle Gekreuzigten seiner Zeit nackt an einem Kreuz hängend. Es fehlt jegliche Umgebung. Die römischen Soldaten sind nur schemenhaft zu erahnen. Wie aus dem Nebel tauchen unter dem Kreuz eine Frau und ein Mann auf: seine Mutter Maria und sein Lieblingsjünger Johannes. Beide ebenfalls nackt.

Für Michelangelo zeitlose Gestalten. Nackt wie Adam und Eva, die nach ihrem Sündenfall entlarvt und entblößt dastehen und sich vor Gott verstecken müssen. Doch auf der Kreidezeichnung schmiegt sich Maria an den Gekreuzigten und schaut Johannes zu ihm auf – so, als ob jeder von ihnen sagen wollte: „Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, oh mein Erbarmer, den Anblick deiner Gnad.“

Es stimmt Gott sei Dank nicht, was der amerikanische Schriftsteller Tennesee Williams einmal sagte: „Wir sind alle zu lebenslänglicher Einzelhaft in unserer eigenen Haut verurteilt.“ Nein. Unter dem Kreuz Jesu können wir aus unsrer Haut heraus, können wir uns selbst loswerden. Können wir alle Gottwidrigkeiten und Gottlosigkeiten zugeben, die uns belasten, verklagen, verdammen. Auf dem Bild Michelangelos ist es so, als würde der tote Jesus Maria und Johannes eine stumme Predigt halten und jedem sagen: „Fürchte dich nicht! Ich habe dich erlöst.“ Jedem! Auch Ihnen.

Deshalb sage ich Ihnen, „Adam“, und Ihnen, „Eva“: Hängen Sie sich an den Mann am Kreuz! Dann sind Sie alle und jede Schuld los. Dann stehen Sie völlig unschuldig da. Dann macht Sie „das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt“ – wie der Täufer Johannes von Jesus sagt – zu den reinsten Unschuldslämmern. Denn wenn wir uns eng an Jesus halten, klebt unsere Sünde gleichsam an ihm – aber auch seine Unschuld an uns! Dann stehen wir zwar immer noch nackt und bloß und mit leeren Händen vor dem heiligen Gott da. Aber wir müssen uns nicht mehr vor ihm fürchten! Wir können mit Jesaja jubeln: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet.“

Zum Bild von Michelangelo

 


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