/ Wort zum Tag

Der Herr, meine Zuflucht

Manfred Kasemann über Psalm 90,1.2

Bibelvers

Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Psalm 90,1.2

Fulbert Steffensky hat  seinen letzten Sammelband  „Heimathöhle Religion“  genannt. In einem Beitrag spricht er vom Recht auf bergende und wärmende Höhlen in allem, was uns so vorläufig erscheint. Er findet so eine Höhle in einem Reichtum an Liedern und den Geschichten der Bibel. Er  warnt zugleich vor einer Höhlenkrankheit. Die besteht darin, nur noch sich selbst zum Maßstab  zu machen und sich selbst zu begrenzen mit dem, was man für möglich oder unmöglich hält.

Unter Christen beobachtet er eine Tendenz. Eine hohe Vertrautheit mit ihrem Gott. Gut, dass wir die falschen Ängste verloren haben, schreibt er.  Aber was ist, wenn Gott wie gezähmt und absehbar erscheint, und die Glaubensdinge zu geglättet, zu  widerspruchsfrei?  Was ist, wenn der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir selbst. Was für eine Engführung,  wenn wir nur in uns selbst hinabsteigen müssten, um Gott zu finden und zu fühlen ? Könnten wir uns selbst Zuflucht sein, Höhle, Trost ? 

Steffensky schreibt: Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und unerforschlicher ist als wir.  So ähnlich drückt es ein Psalmbeter aus: „Herr, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit“.  Psalm  90,1.2. 

Du ! Du ! bist Zuflucht und Heimathöhle. Du, der andere ! Der Beter wählt nicht die Geborgenheit bei  Mutter oder Vater als Zufluchtsbild. Er wählt die überwältigende Naturerfahrung, um sich  seines Gottes als Zuflucht zu vergewissern. 

Können wir aufgeklärte Menschen uns mit solch einem Bild geborgen fühlen ?  Immerhin ist uns die kosmische Weite der Schöpfung vor Augen. Ich befürchte: Nein,  wir fühlen uns eher nicht geborgen, wir verlieren uns eher in der Weite des Universums. Der Mensch scheint nur noch sich selbst zu haben.  Er gleicht dann einem Menschen, der auf einem hohen Berg steht vor der Majestät einer beeindruckenden Bergkette und  in allen Richtungen ruft: Es gibt keinen Gott  !  Wir haben keine Zuflucht ! 

Wenn er dann damit leben könnte ! 2009 landete die Gruppe „Silbermond“ einen  großen Erfolg mit dem Titel „Irgendwas bleibt“. Eine Zeile aus dem Lied heißt: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt,  in der nichts sicher scheint , gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas,  das bleibt“.

Ob man sich doch mit dieser Sehnsucht der verstörenden  Unbegreiflichkeit Gottes anvertrauen kann ?

Wir haben zu lange angenommen, dass Gottes Größe in seiner Herrschaft und Überlegenheit besteht. Wir haben diese Größe missverstanden, als würde sie den Menschen automatisch klein und erbärmlich machen. Und uns den Mund verbieten würde. Aber Größe ist nicht notwendig unterdrückend. Es gibt eine andere Größe, der man sich anvertrauen kann:  die Größe der Liebe, die alles Begreifen übersteigt,  Auch die Liebe Gottes kann einem fremd erscheinen. Sie entzieht sich jedem Verstehen. Man staunt vor ihr, wie vor der Natur. Man geht anbetend in ihr auf und schweigt, um das Unbegreifliche aufzunehmen. Und es trägt. Und es schenkt Zuflucht.


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