/ Wort zum Tag

Vom Nullpunkt zum Pluspunkt

Luitgardis Parasie über Psalm 119,147

Bibelvers

Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich.

Psalm 119,147

anchmal lese ich morgens früh die beiden Bibelverse aus den Herrnhuter Losungen und gehe damit joggen. Vor Frühstück und Arbeitsbeginn mit Gottes Wort laufen, da hat man keine Ablenkung durch Telefon, und ich kann mich viel besser konzentrieren, als wenn ich zu Hause am Schreibtisch vor meiner Bibel sitze. In der Frühe zu Gott kommen und ihn um Hilfe bitten, das hat was. Und manchmal erlebe ich seine Hilfe und Führung den Tag über ganz konkret.

Es ist an einem Mittwoch um 16.30 Uhr. Ich parke in unserer Northeimer Innenstadt, will nur schnell ein Buch abholen. Dafür kann man beim Parkscheinautomaten die „Brötchentaste“ drücken und darf dann 20 Minuten umsonst parken. Da kommt eine Frau auf mich zu. „Ich habe hier einen Parkschein bis 18 Uhr, den brauche ich nicht mehr, wollen Sie ihn haben?“ Äh, eigentlich brauche ich ihn auch nicht. Aber das wär ja jetzt irgendwie unhöflich, also nehme ich ihn und bedanke mich. Auf dem Weg zur Buchhandlung überlege ich: Warum will Gott, dass du anderthalb Stunden in der Stadt verbringst?

Auf einmal fällt mir Frau Schnitt ein, eine 90jährige Bekannte. Sie wohnt um die Ecke. Häufiger schreibt sie mir E-mails und schickt mir selbstverfasste Gedichte. Eine scharfsinnige kluge Frau, klein, schlank und voller Energie. Vor einiger Zeit hatte sie einen Oberschenkelhalsbruch mit OP und anschließender Reha. Überall hatte sie ihren Laptop dabei und hielt mich mit Mails auf dem Laufenden. Nun ist sie wieder zu Hause, doch ich habe seit einiger Zeit nichts mehr von ihr gehört. Kurzentschlossen kaufe ich Obst und gehe bei Frau Schnitt vorbei.

Es dauert lange, bis sie öffnet. Schmal und blass steht sie im Türrahmen, ihre sonst so wachen Augen blicken müde. „Ich bin heute am Nullpunkt“, sagt sie. „Das wird doch alles nichts mehr mit mir.“ Wir setzen uns auf ihre Terrasse, reden eine Stunde. Ich bete Psalm 121 mit ihr: „Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ – „Ach“, sagt sie, „das ist doch diese andere Ebene, die wir immer wieder brauchen.“ Abends bekomme ich eine Mail: „Danke für Ihren lieben Besuch, der mich herausholte aus meinen heutigen Nullpunktgedanken!“ Ein neues Gedicht hängt unten dran:

Am Nullpunkt
angekommen wo
nichts mehr geht
wo das Leben Kopf steht
mit leerem Gesicht mit
trostlosen Zügen
am Nullpunkt 
angekommen mit
dem kühnen Traum
ihn zu verwandeln
zum Pluspunkt

Den Nullpunkt verwandeln zum Pluspunkt, super. Ich bin bewegt über Gottes perfektes Timing und schreibe Frau Schnitt zurück: Bedanken Sie sich bei Gott, denn der hat mich heute zu Ihnen geschickt.

In einem Lied heißt es: „Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat, und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat“ (EG 457,11). Ja, früh die Hände falten und auf Gott hoffen, das ist es. Dann erfährt man manchmal ganz konkret, wie Gott hilft – und durch uns auch anderen Menschen.


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