/ Wort zum Tag

Die Spirale der Gewalt verlassen

Luitgardis Parasie über 1. Mose 37,22.

Bibelvers

Ruben sprach zu seinen Brüdern: Vergießt nicht Blut!

1. Mose 37,22

Was für ein Hass hatte sich angestaut in dieser Männerhorde. 12 Brüder und Joseph, der Zweitjüngste, war immer vom Vater vorgezogen worden. Und er nutzte das weidlich aus. Er gab sich als der engste Vertraute des Vaters und spionierte seine Brüder aus.

So auch heute. Sie weiden die Schafe ihres Vaters, Joseph kommt sie besuchen um dem Vater dann über sie zu berichten. Mit anderen Worten: zu petzen. Die Brüder haben die Nase voll. Das ist doch jetzt eine günstige Gelegenheit, Joseph loszuwerden: „Das Maß ist voll, wir werden dir das Handwerk legen, Bürschchen.“ Am liebsten wollen sie ihn umbringen. Mit Mühe kann Ruben, der Älteste, sie davon abhalten. „Vergießt nicht Blut!“ beschwört er sie. Heimlich will er Joseph befreien und wieder zu seinem Vater bringen. Das darf er aber nicht sagen. So ist das manchmal: Unter Freunden oder Geschwistern gibt es mitunter feste Verpflichtungen, auch im Blick darauf sich gemeinsam schuldig zu machen. Man muss mitziehen in der miesen Sache, die man doch für falsch hält. Andernfalls verliert man Freunde und wichtige Kontakte. Ruben muss also das Gute heimlich planen, als wäre es ein Unrecht. Doch er kommt nicht dazu, es umzusetzen. Als er kurz weg ist, verkaufen die Brüder Joseph als Sklaven an eine vorbeiziehende Karawane. Als Ruben wiederkommt, ist es bereits zu spät, Joseph ist weg.

An diesem Punkt nimmt die Geschichte und mit ihr unsere Gefühle eine dramatische Wendung. Bisher gehörte unser Mitgefühl vermutlich eher den Brüdern, die vom Vater so sträflich gegenüber Joseph benachteiligt wurden. Dass sie sauer und verletzt sind, kann man ohne weiteres verstehen. Doch jetzt kippt unsere Sympathie für die Brüder. Denn ausgerechnet in ihrer Unschuld liegt der Nährboden dafür, dass sie nun umso mehr schuldig werden. Ihnen ist Böses widerfahren, und sie vergelten das mit noch Böserem. Das ist oft so: Wer glaubt im Recht zu sein, fühlt sich umso mehr berechtigt, es nun dem anderen zu zeigen, das erlittene Unrecht zurückzugeben und sich zu rächen. Wo uns Böses oder Gemeines angetan wird, wo uns jemand verletzt oder beleidigt, gerade da liegt der Nährboden, der den Unschuldigen zur Schuld verführt. Wo Menschen ein reines Gewissen zu haben meinen, da setzen sie sich besonders heftig zur Wehr und werden gerade darin schuldig.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Dass der Zorn entsteht, konnten die Brüder, und können wir nicht verhindern. Aber wie wir mit ihm umgehen und was wir aus ihm entstehen lassen, dafür tragen wir die Verantwortung. Wo wir Zorn konservieren, wo wir unser Recht, dem anderen böse zu sein, hegen und pflegen, da begießen wir eine Saat, die Früchte des Unrechts hervorbringen wird. „Des Menschen Zorn tut nicht, was vor Gott recht ist“, heißt es in der Bibel.

Jesus empfiehlt dagegen einen konstruktiven Umgang mit dem Zorn: „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ Das ist Jesu Rezept um auszusteigen aus der Spirale von Hass und Gewalt.

Wir leben davon, dass Gott als Erster ausgestiegen ist aus diesem Teufelskreis. Wollte Gott seinen Zorn uns gegenüber konservieren, wären wir für Zeit und Ewigkeit verloren. Wollte er mit uns umgehen, wie wir oft miteinander umgehen, wir wären mehr verraten und verkauft, als Joseph von seinen Brüdern. Gott hätte Grund genug, uns sehr böse zu sein und uns das auch zu zeigen. Aber er hat es an unserer Stelle seinen Sohn Jesus spüren lassen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten. Gott  hat seinen Zorn uns gegenüber umgewandelt in Liebe, in Vergebung. Und er will, dass wir das nun auch untereinander tun. Jesus sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“


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