/ Wort zum Tag

Lukas 18,13

Bibelvers

"Der Zöllner stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!"

Lukas 18,13

Da betet ein Mensch, den seine Zeitgenossen überhaupt nicht als ein Musterbeispiel für Frömmigkeit angesehen hätten – im Gegenteil! Für sie war ein Zöllner schon von Berufs wegen ein Sünder. Was er tat, musste von vornherein verkehrt sein. Ganz anders stellt Jesus die Situation dar: Er erzählt eine kleine Geschichte über diesen Zöllner, von dem wir etwas über das Beten lernen können. 
Ich finde es bemerkenswert, dass der Zöllner Gottes Nähe sucht, obwohl er sich des Abstandes bewusst ist, der ihn von Gott trennt. Das ist oft nicht der Fall – Menschen, die sich schuldig fühlen, meiden die Begegnung mit Gott: Adam und Eva versteckten sich zwischen den Bäumen, weil sie sich vor Gott schämten, nachdem sie sein Gebot übertreten hatten. – David kannte das Bedürfnis, Gott aus den Augen zu kommen, und stellt in einem Psalm die rhetorische Frage: „Wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?“ – Und Petrus bittet Jesus wegzugehen, weil er als sündiger Mensch nicht zu ihm passt …
Da ist die Angst vor der Strafe, und die ist nicht ganz unbegründet. Ich möchte nicht an mein Versagen erinnert werden, möchte es möglichst aus dem Bewusstsein verdrängen, bloß nicht darüber sprechen!  Da ist das schlechte Gewissen, das mir den Mund verschließt – das Wissen darum, dass ich überhaupt kein Recht habe, vor Gott zu erscheinen. Da ist die Scham vor mir selbst –  und die Scham dem heiligen Gott gegenüber. Dem Zöllner mag es ähnlich gegangen sein. Seine demütige Zurückhaltung und die wenigen, aber schonungslos ehrlichen Worte, die er betet, lassen etwas davon ahnen.
Aber er bleibt nicht weg. Er kommt in den Tempel, in das Bethaus, dorthin, wo man Gott antreffen kann. Der Zöllner scheint zu wissen, dass es gar nicht möglich ist, sich selbst von Schuld und Sünde zu reinigen, damit man dann „schön zurechtgemacht“ vor Gott hintreten könnte – zurechtgebracht  werden wir nur in der Begegnung mit Gott! Karl Rahner hat die Bitte einmal so formuliert: „Wohin sollte ich mit meiner Schwäche, meiner Herzensträgheit, mit Zweideutigkeit und Fragwürdigkeit hinflüchten, wenn nicht zu dir? Herr, gehe nicht weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch.“
Der Zöllner in Jesu Gleichnis kommt mit leeren Händen. Er hat nichts zu bringen, womit er Gott beeindrucken könnte. – Kennen Sie die Mühe, wenigstens eine Kleinigkeit zu finden, mit der man hofft, seine große Schuld ein bisschen abzumildern? Der Zöllner hat nichts dergleichen vorzuweisen, er versucht es auch gar nicht erst. Er bekennt nur, dass er alles Gute schuldig geblieben ist. Und er bittet Gott, ihm dennoch zugetan zu bleiben. Einen Anspruch kann er darauf nicht erheben, er kann nur um Gnade bitten. – Nichts anderes erwartet Gott von uns.
Gott erwartet nicht, dass wir ihm in unseren Gebeten unsere Erfolge präsentieren, vielleicht wie bei einer Rechenschaftslegung vor dem Aufsichtsrat einer Firma.
Gott erwartet nicht, dass wir ihm vorführen, wie gut wir schon allein zurechtkommen – etwa wie Kinder, die ihren Eltern beweisen möchten, dass sie inzwischen sehr selbständig geworden sind …
Gott erwartet von uns ein Vertrauen, das es möglich macht, IHM gegenüber alles auszusprechen: Bedrückendes und Beglückendes.
Gott sah den Zöllner in der hintersten Ecke des Gebetsraumes, und er kennt die Gedanken im hintersten Winkel meines Herzens. Gott möchte eingeladen werden, genau in dieses abgründige Herz hineinzukommen, damit ER es mit seiner Güte füllen kann.
 

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