/ Wort zum Tag

Psalm 66,10

Bibelvers

"Denn, Gott, du hast uns geprüft und geläutert, wie das Silber geläutert wird."

Psalm 66,10

Was heißt denn eigentlich „Silber läutern“? Das macht ja heute kein Silberschmied und kein Juwelier mehr selber. Das Silber, das ich von meinem Schmuck kenne, ist schon rein und glänzend. Was geschieht also, wenn Silber geläutert wird? Was soll ich mir darunter vorstellen?

Ich habe mich in alten Lexika auf die Suche gemacht, und siehe da: im „Wörterbuch der deutschen Sprache“ von Joachim Heinrich Campe aus dem Jahre 1809 steht: Läutern heißt, etwas „von allem Fremdartigen, Schlechteren zu befreien“, „etwa wie ein Silber, das, vom Läuterfeuer lange herumgetrieben worden, endlich farbig schön vor den Augen des Arbeiters erscheint“.

Das ist also Läutern: das Rohsilber wird in einem Gefäß so lange so stark erhitzt, bis sich alles Material, das nicht zum Silber gehört, davon gelöst hat oder verbrannt ist. Eine langwierige, schweißtreibende Arbeit. Aber am Ende bleibt dieses strahlend schöne Edelmetall übrig.

Was kann das für eine menschliche Erfahrung sein, für die hier dieses Bild verwendet wird? Wenn ich wie in einen Tiegel geworfen bin und erhitzt werde, bis ich völlig geschmolzen bin, wenn ich zerfalle, hilflos hin- und hergeworfen, ganz dem Feuer ausgeliefert? Es ist ein extremes Bild, ein Bild von überwältigendem Leid, von äußerster Hilflosigkeit. Was ist den Menschen nur Schreckliches zugestoßen, die ihre Erfahrung so beschreiben?

In dem Psalm wird nicht genau benannt, welche Erfahrung hier gemeint ist. Wir wissen es nicht. Aber erstaunlich ist der Zusammenhang, in dem dieser Vers steht: der Psalm 66 ist nämlich ein Lob- und Dankpsalm. Die Prüfung und Läuterung ist vorbei, es sind wieder ruhige Zeiten angebrochen, und jetzt wird Rückschau gehalten. „Schaut, wir sind noch am Leben!“, ruft das Volk Israel. „Es war eine harte Zeit, aber schaut, wie Gott uns geholfen hat! Und schaut, wie schön wir dadurch geworden sind!“

Geprüft und geläutert sind die Menschen, und nun „endlich farbig schön“ wie reines Silber. Das ist eine ganz besondere Art der Schönheit. Äußerliche Schönheit geht in schweren Zeiten ja eher verloren, die überlebt den Schmelztiegel in der Regel nicht. Aber was übrig bleibt, ist eine Schönheit des Charakters und des Glaubens. Eine, die nur in harten Prüfungen entsteht. Das ist eine ganz andere Art der Schönheit, eine viel faszinierendere, finde ich.

Mir fallen so einige Menschen ein, die diese Schönheit haben. Die gewaltiges Leid ertragen mussten, unendlich schwere Zeiten erlebt und bewältigt haben. Eigentlich sollten es die sein, die man auf die Titelseiten der Zeitschriften druckt. Eigentlich sind es die, die als Vorbilder für Schönheit herhalten sollten. Sie sind vielleicht nicht schön nach den gängigen Maßstäben für äußerliche Schönheit, sie haben keine makellos glatten Gesichter und wohlgeformte Körper. Ihre Geschichte und gerade die harten Kapitel darin haben in ihren Gesichtern ihre Spuren hinterlassen. Aber macht sie nicht gerade das so rätselhaft schön, so stark und so charaktervoll?

Es ist gut, dass wir diese Menschen haben. Denn es macht mir selbst Mut, mein Leben zu leben. Gelassen zu bleiben, wenn die Falten und grauen Haare kommen. Diese unvergängliche Schönheit, die von Gott kommt, ist es, worauf es ankommt. Ich muss sie nur sehen können.

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