/ Wort zum Tag

Matthäus 20,13.15

Bibelvers

Freund, ich tue dir nicht unrecht. Ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will? Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin?“

Matthäus 20,13.15

Jesus erzählt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Er beschreibt, wie ein Weinbergsbesitzer frühmorgens Tagelöhner anheuert. Mit ihnen vereinbart er einen Lohn von einem Silbergroschen. Im Laufe des Tages engagiert der Weinbergsbesitzer noch weitere Tagelöhner. Zum letzten Mal am frühen Abend.  Am Ende des Tages zahlt der Besitzer den Lohn aus. Doch allen bezahlt er einen Silbergroschen als Tageslohn. Als die Arbeiter, die den ganzen Tag über gearbeitet haben, das bemerken, entrüsten sie sich darüber, dass sie nicht mehr Lohn bekommen als die, die nur kurz gearbeitet hätten. Daraufhin entgegnet der Weinbergsbesitzer: „Freund, ich tue dir nicht unrecht. Ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will? Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin?“ (Matthäus 20,13-15)

Dazu muss man wissen, dass ein Landarbeiter damals an einem Tag so viel verdiente, dass er seine Familie davon gerade mal am nächsten Tag ernähren konnte. 

Insofern haben die Arbeiter der ersten Stunde von ihrem Standpunkt aus völlig recht. Wenn die letzten, die nur eine Stunde in der Vorabendkühle gearbeitet haben, genauso viel ausgezahlt bekommen wie die, die sich über viele Stunden in glühender Hitze im Weinberg abgequält haben, dann ist das ungerecht. Doch jede Gesellschaft lebt davon, dass wenigstens ein gewisses Maß an Gerechtigkeit gewahrt wird.

In diesem Gleichnis stoßen zwei Welten aufeinander.  Auf der einen Seite wird die Gesellschaft geschildert, in der jeder um seine eigene Existenz kämpft, in der es Neid gibt, wenn einer mehr hat, in der es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen denen oben und denen unten kommt. Pausenlos geht es um einander vergleichen.

Auf der anderen Seite – und das will Jesus zeigen - bricht nun in diese alte Gesellschaft plötzlich die neue Welt Gottes ein. Dass die letzten genauso viel erhalten wie die ersten zeigt: In der neuen Gesellschaft Gottes gelten andere Gesetze. Zwar wird auch hier vom Morgen bis zum Abend gearbeitet.  Aber die Arbeit hat nun eine Würde. Vor allem: Es ist möglich ohne Rivalität zu leben. Größer als die eigenen Wünsche ist dann die Arbeit für die Sache Gottes. Das  macht es möglich, mitzuleiden am Leid der anderen und sich mitzufreuen an der Freude der anderen. Wenn man das genau übersetzt, was der Gutsherr zu dem kritischen Arbeiter sagt, dann lautet es: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Indem der Gutsherr den Letzten genauso viel gibt wie den Ersten, handelt er gut. Gut selbstverständlich nicht nach den Maßstäben einer Gesellschaft, die von Verteilungskämpfen bestimmt ist.

Man versteht also das Gleichnis nicht, wenn man sagt, in ihm gehe es einfach nur um die überfließende Güte Gottes. Selbstverständlich spricht Jesus auch von der grenzenlosen Güte Gottes. Doch wenn Jesus nur vom gütigen Gott geredet hätte, wäre er nicht ans Kreuz gebracht worden. Das Murren der Arbeiter der ersten Stunde spiegelt das Murren jener Zeitgenossen Jesu wider, die empört sind über das Neue, das er mit seinen Jüngern beginnt: Ein gemeinsames Leben, das aus der ständigen Vergebung und Verbundenheit erwächst und in dem deshalb auch Spätkommende und Sünder, die keinerlei Verdienst aufweisen können, Platz haben.

Der Theologe Karl Rahner hat Recht, wenn er sagt: „Wir sind, ob wir jung oder alt sind, eigentlich immer die Zuspätkommenden. Und immer noch ist Gott bereit, uns alles zu schenken, wenn wir es nur nehmen….“ (Karl Rahner, Biblische Predigten, Freiburg, 1968)
Jesus redet hier also von der grenzenlosen Güte Gottes unter dem Gesichtspunkt einer neuen Gesellschaft.

Jesus redet davon, wie diese neue Wirklichkeit in die Gesellschaft einbricht: das Kommen der Gottesherrschaft. Eine neue Möglichkeit zu leben wird hier sichtbar.

Wenn ich mich frage: Wie kann es angesichts der der Unterschiede von Begabten und Unbegabten, von Gerechten und Sündern, von Guten und von Schlechten, von Christen und Nichtchristen die die Menschheit zerreißen und gegeneinander hetzen, zum gemeinsamen Füreinander der Menschen kommen? Dann gibt es darauf nur die Antwort des Evangeliums: Durch die Aufhebung des Verdienstdenkens, durch die gemeinsame Freude an der Liebe Gottes für alle.

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