/ Wort zum Tag

Jesaja 43,1

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ – so lautet der Bibelvers aus Jesaja 43,1. Wer braucht diese Zusage am meisten? – Verzweifelte Menschen, besonders, wenn sie jede Hoffnung verloren haben. Solchen Menschen bin ich schon begegnet, im wirklichen Leben und auch in Büchern. Sophie ist einer von ihnen. Eine Romanfigur. Für mich ein Mensch, wie aus dem wirklichen Leben:

Sophie hätte nie gedacht, einmal in Amerika zu sein. Die andere Sprache macht ihr keine Probleme, wohl aber der fremde Lebensstil. Sie ist frei in einem freien Land und doch hoffnungslos unfrei. Die Vergangenheit lässt sie nicht los, täglich und in ihren Träumen. Angst und Schuldbewusstsein legen sich wie ein Nebel um ihre Seele und um ihren Verstand, bis beide gänzlich getrübt sind und sie sich das Leben nimmt. Warum? Was war geschehen? –

Sophie lebte zurzeit Hitlerdeutschlands in Polen mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und ihrem jüdischen Ehemann. Der wurde gefangen genommen, Sophie und ihre Tochter und ihr Sohn ebenfalls, denn Sophie hatte sich nicht scheiden lassen. Ergebnis: Eine Familie in Angst!

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Im KZ bemühte sich der oberste Befehlshaber um gründliche Arbeit. Wie kaum ein anderer Aufseher versetzte er die Häftlinge in Angst und Schrecken. Sophie auch. Seelenfolter erster Güte: Erst schmeichelte er ihr, bis dahin, dass sie dachte, er hätte sich in sie verliebt, dann versprach er ihr die Kinder zu retten. – Für ihre Kinder tat sie alles. Leben sollten sie. Überleben, weiter leben war das einzige, was sie denken konnte. – Sie bietet sich ihrem Peiniger an. Sie kniet vor ihm nieder. Sie umfasst seine Soldatenstiefel und küsst sie. Und er?

Er belohnt sie mit einer großen Geste: Da er nur ein Kind retten könne, solle sie entscheiden, welches. Drücke sie sich aber vor der Entscheidung, müssten beide sterben. Wie sie sich auch entschied, sie wusste, für den Tod ihrer Kinder wäre sie auf jeden Fall verantwortlich. Als sie sich dann für ihren Sohn und damit gegen ihre Tochter entschied, hörte sie auf zu leben. Keine Seelenfolter scheint mir so niederträchtig zu sein wie Sophies Entscheidung im gleichnamigen Roman von William Styron. Die politische Freiheit in Amerika nützte ihr nichts. Sie vollstreckte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ihr eigenes Todesurteil. Hoffnungslos unfrei, voller Schuld, voller fremder Schuld, die ihr aufgeladen worden war. Arme, entwürdigte Sophie!

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Wer einen anderen Menschen derart bedrängt und ängstigt, der nimmt ihm die Menschenwürde. Angst raubt den Verstand und frisst Seelen auf. Als Gott die Welt wie ein Künstler schuf, entstand eine andere Welt. Eine schöne Welt. In die hinein setzte Gott Wesen, die einander glücklich machen können. Das war bei Adam und Eva so und so ist es bis heute: Menschen bringen Glück. Aber sie bringen auch Not und Elend, Hunger und Krieg und alles Schreckliche, das sich ein menschlicher Geist ausdenken kann. Gott gewollt ist das nicht. Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie die Wahrheit erkennen. „Was ist Wahrheit?“ fragte einst Pilatus Jesus kurz vor dessen Hinrichtung am Kreuz. Ist es wahr, dass Menschen zum Guten erschaffen sind und für die Liebe untereinander? Ist es wahr, dass Gott Liebe ist? Bei dem vielen Leid? – Ja, es ist wahr. Gott ist Liebe. Er gibt verzweifelten Menschen ihre Würde zurück. „Fürchte dich nicht“ bedeutet so viel wie: „Ich, Gott, will dich und dein Leben. Werfe es nicht weg, weil Menschen sich an dir versündigt haben. Ich gebe dir deine Menschenwürde zurück mit meinem „Fürchte dich nicht!“ Für mich ist das „Fürchte dich nicht!“ der wunderbarste Satz der Bibel. Für mich bedeuten diese drei Wörter Freiheit. Die Freiheit, die auch ein Mensch wie Sophie verdient hätte: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

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