/ Wort zum Tag

Micha 7,18

Bibelvers

"Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übrig geblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!"

Micha 7,18

Ich war gerade mal 19 Jahre alt. Ich hatte meinen Führerschein im Sommer gemacht und der erste Winter kam. Es war Nacht auf der Fahrt von der Freundin nach Hause. Die Autobahn war schneebedeckt. Beide Spuren waren nicht geräumt. Vor mir fuhr ein Wagen langsam daher. Zu langsam für mein jugendliches Temperament. Ich zog auf die Überholspur. War am anderen Wagen schon vorbei. Zog wieder auf die rechte Spur. Wie es genau passierte, weiß ich nicht mehr. Ich kam mit überhöhter Geschwindigkeit im Schnee ins Schleudern. Drehte mich. Berührte den anderen Wagen mit meiner vorderen Stoßstange. Es geschah für mich in der Erinnerung alles wie in Zeitlupe. Es passierte außer Blechschaden nicht viel. Beide Autos waren verhältnismäßig langsam unterwegs und blieben sogar fahrbereit. Dennoch Schuld blieb Schuld und der Ärger mit dem Blechschaden und... das Auto, war das Auto des Vaters. Was wird der wohl sagen. Wir hatten nicht viel Geld, ich stand vor meinem Abitur. Das wird Ärger geben! Zu allem Elend war mein Vater noch herzkrank. Die Rückfahrt vom Unfallort nach Hause dauerte lange. Zum einen war es wirklich noch weit, zum anderen fuhr ich sehr langsam. Die ganze Zeit überlegte ich, wie ich das meinem Vater beibringen sollte.  Aus dem temperamentvollen, übermütigen jungen Autopiloten wurde ein schluchzendes heulendes Häufchen Elend, das im Schneckentempo gen Heimat schlich. Zu Hause erwartete mich mein Vater am Fenster. Die Beule am Auto war im Licht der Straßenlaterne nicht zu übersehen. In wenigen Worten war die Schuld bekannt. Wir landeten schweigend am Küchentisch. Ich erwartete einen Zornesausbruch. Eine Strafpredigt. Nichts kam. Das Schweigen lag drückend schwer in der Luft. Dann sagte er nur: „Gut, dass den anderen und dir nichts passiert ist. Wir reden morgen darüber.“ Die Nacht dauerte noch länger als die Rückfahrt, aber irgendwann schlief ich vor Erschöpfung ein. Am nächsten Tag besprachen wir gemeinsam die nötigen Konsequenzen. Was gerichtlich auf mich zukommen wird, wie die Schadensregulierung aussehen wird und was den Vertrauensbruch anbetraf. Hatte doch mein Vater mir vertraut, dass ich vernünftig mit seinem Auto fahren werde. Die Verkehrsgerichtsverhandlung ging rum, Strafe muss ein. Den Schaden am Auto meines Vaters konnte ich teilweise mit dem Geld aus meinem vergangenen Ferienjob begleichen und verpflichtete mich darüber hinaus, die zukünftigen Ferienjobeinnahmen für die Schuldentilgung zu verwenden. Aber das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen: Das war eine harte Nuss. Ich spürte, dass da etwas sehr Kostbares zerbrochen war. Ich weiß nicht wie lange mein Vater kaum ein richtiges Wort mit mir gesprochen hat. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich hatte die Güte und Barmherzigkeit des Vaters durch mein schuldhaftes Verhalten missbraucht. Sein Zorn äußerte sich nicht in blanker Wut. Aber das gute Verhältnis zwischen uns war einfach dahin. Verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen ist für beide Seiten eines solchen Bruches nicht leicht. Das lernte ich damals. Ob das zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Ehepartnern oder zwischen Gott und Mensch passiert: diese Wunde heilt nicht von selbst. Zwischen meinem Vater und mir dauerte es schon fast ein halbes Jahr und viele, viele kleine Schritte, bis es wieder ganz heil wurde. Sein Zorn hielt nicht ewig. Er spürte mein aufrichtiges Bemühen. Ich wollte das Top-Verhältnis zwischen uns wiederherstellen.

Seitdem will ich es zwischen Gott und mir genauso halten. Ich freue mich, dass Gott mir nicht ewig zornig sein will.  Ich will aber seine Barmherzigkeit nicht ausnutzen und immer wieder sein Vertrauen zurückgewinnen und wie der Prophet Micha staune ich: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die übrig geblieben sind von seinem Erbteil; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er ist barmherzig!“

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