/ Wort zum Tag

Jakobus 1,27

Bibelvers

"Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten."

Jakobus 1,27

Vor mehr als vier Jahren erlebte ich am 17. Januar einen denkwürdigen Gottesdienst! Kurz vorher hatte auf Haiti die Erde gebebt und täglich hatte ich im Fernsehen die Bilder unbeschreiblicher Not nach dem bisher schlimmsten Erdbeben des 21. Jahrhunderts gesehen. Haiti beklagte über 300.000 Tote und war mit 2 Millionen Verletzten, Waisen, Witwen und Obdachlosen konfrontiert.

Mit diesen Bildern im Herzen ging ich am Sonntag zum Gottesdienst. Er begann mit einer ansprechend moderierten Einleitung, dann folgte wie üblich der Lobpreisteil mit den gewohnten Anbetungsliedern. Und plötzlich konnte ich nicht mehr, die Texte passten nicht zur Katastrophe, die alle Welt aufwühlte. Es rebellierte in mir! Ich wurde tief traurig und sang – innerlich protestierend – nicht mit. Die Predigt war einer Themenreihe gewidmet, nur im Schlussgebet wurde der Erdbebenopfer wenigstens mit zwei Sätzen gedacht!

Entsprang dieser Gottesdienst purer Gedankenlosigkeit oder war er typisch für unsere Frömmigkeitskultur?

Warum wurde das zerstörte Haiti am Sonntagmorgen ausgeblendet? Ich wurde an Dietrich Bonhoeffer erinnert. Er hatte im Nazideutschland das Gleiche erlebt, wie nämlich Gottesdienste gefeiert wurden, „als ob nichts geschähe.“ Und er prägte dann den bis heute aktuellen Satz: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen!“

In unsere Gegenwart übersetzt könnte das heissen: Nur wer für die Behinderten und Abgeschobenen, Armen und Arbeitslosen, Witwen und Waisen, Strassenkinder und Sexsklavinnen, Verfolgten und Diskriminierten, Juden und Ausländer schreit und etwas für sie tut, darf Gott anbeten und Gottesdienst feiern.

Das unterstreicht heute das Wort zum Tag: „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: Die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen.“

Jakobus scheint hier in seinem Gemeindebrief den rechten Gottesdienst sehr einseitig zu definieren! Offensichtlich war aber dieser Ton für die Gemeinde bitter nötig! Sie feierte wohl ebenso apathisch ihre Gottesdienste wie die Gemeinde nach dem Erdbeben auf Haiti 2010. Das Problem abgehobener Liturgien und weltfremder Gottesdienste gab es schon damals und gibt es also immer noch! Deswegen hat Jakobus mit seiner scharfen Einseitigkeit recht. Sein Aufruf zur aktiven Nächstenliebe muss solange wiederholt werden, wie es Christen, Kirchen und Gemeinden gibt, die im Gottesdienst die Welt vergessen!

Allerdings gibt es seit zwei Jahrtausenden auch die Christen, Kirchen und Gemeinden, die sich für unzählige Notleidende eingesetzt haben. Der Aufruf des Apostels Jakobus wirkt also bis heute nach! Er wollte seine junge Gemeinde ja auch nur daran erinnern, dass viele alttestamentlichen Propheten das sozial ungerechte Verhalten vieler Frommer ebenso vehement kritisiert hatten wie Jesus!

Deshalb sendet Jesus seine Nachfolger ausdrücklich zu den Kranken und Gefangenen, den Hungernden und Nackten, den Randständigen und Ausgebeuteten! Ihnen soll konkret und praktisch geholfen werden. Gottesdienst und Nächstenliebe, Gottesdienst und Sozialdiakonie – das sind die zwei Seiten einer Münze! Im Gottesdienst empfange ich Gottes Liebe, Zuwendung und Barmherzigkeit; im Alltag gebe ich diese Liebe und Barmherzigkeit an Menschen in Not weiter!

Echte Frömmigkeit vereint die Anbetung Gottes und den Dienst am Nächsten in Liturgie und Diakonie. Diese Einheit durchzieht die gesamte Kirchengeschichte bis heute! Es gab und gibt sie zu Tausenden, diese Christen, die beides intensiv pflegen: Gott feierlich ehren und anbeten, und gleichzeitig für diejenigen schreien und da sein, die unter die Räder geraten sind!

Wer Gott von ganzem Herzen anbetet, der dient auch dem Notleidenden von ganzem Herzen!

Wenn Sie das schon lange tun, dann machen sie fröhlich weiter! Feiern Sie Gottesdienst „mit Herzen, Mund u n d Händen“, denn das – und nur das – ist Gottes guter Wille!

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