/ Wort zum Tag

Psalm 142,6

Bibelvers

"HERR, zu dir schreie ich und sage: / Du bist meine Zuversicht, mein Teil im Lande der Lebendigen."

Psalm 142,6

Not lehrt beten, behauptet der Volksmund. Ich bin da nicht so sicher. Zwar bin ich überzeugt, dass es gerade in der Not nichts Hilfreicheres gibt, als zu beten, als zu Gott zu schreien. Aber meine Erfahrung und Beobachtung ist immer wieder: Es sind die Menschen, die in guten Zeiten zu beten gelernt haben, die auch in der Not an Gott denken und denen das Gebet in schwierigen Zeiten zur echten Stütze wird. Darum würde ich sagen: Warten Sie nicht, bis es Ihnen schlecht geht, um mit Beten anzufangen. Im Gegenteil: Üben Sie das Gespräch mit Gott dann, wenn es Ihnen gut geht. Trainieren Sie Ihr Beten. Dann werden Sie in der Not im Gebet eine umso stärkere Stütze haben.

Tatsache ist freilich, dass viele biblische Gebete in Notsituationen entstanden sind. So zum Beispiel auch Psalm 142, aus dem heute das Wort zum Tag entnommen ist. Die Überschrift verknüpft diesen Hilferuf in schwerer Bedrängnis mit Davids Flucht vor König Saul. Es ist übrigens nicht der einzige Psalm mit diesem Hintergrund. Auch Psalm 57 wird dem flüchtenden David zugeschrieben. In einer Höhle versteckt, betet David gemäß Psalm 142,6: „Herr, zu dir schreie ich. Du bist meine Zuversicht im Lande der Lebendigen.“

Im selben Atemzug erklingen Verzweiflung und Gottvertrauen. Einerseits schreit der Beter. Es steht so schlimm um ihn, dass er kaum noch klar artikulieren kann. In seinem Gebet ist die Rede von übermächtigen Feinden, die ihm Fallen stellen und ihn verfolgen. Er kann nicht fliehen, hat niemanden auf seiner Seite und sieht sich schon im Kerker gefangen. Seine Lage ist ein einziger Alptraum und er sieht keinen Ausweg mehr. Also schreit der Beter seine Not heraus. Und es scheint, als ob gerade das verzweifelte Schreien und Klagen eine Tür aufstoßen würde. Es tut gut, seinem Herzen Luft machen zu können. Und in seiner Not erinnert sich der Beter daran, wie Gott ihm schon früher hilfreich zur Seite gestanden ist. Das Herausschreien der Not eröffnet so Raum für Hoffnung. Mitten im Schreien findet der Beter neue Worte: „Du bist meine Zuversicht im Lande der Lebendigen!“ Das klingt ja schon wieder nach viel Vertrauen. Das ist eine andere Tonart, die beim Beten anklingt und schließlich die Oberhand gewinnt. Denn der Psalm endet mit der Zuversicht, dass Gott die Klage hören, vor den Verfolgern retten und aus dem Kerker herausführen wird. Noch ist es freilich nicht so weit. Noch drückt die Not. Und damit liegt der Beter Gott in den Ohren.

Die Psalmen demonstrieren immer wieder eindrücklich und lehrreich: Im Gebet müssen wir aus dem eigenen Herzen keine Mördergrube machen. Klage, Verzweiflung und Elend dürfen formuliert, ja vor Gott herausgeschrien werden. Wer Grund zum Jammern hat, braucht vor Gott keinerlei Hemmungen zu haben. Im Gegenteil: Wenn er wir unsere Not vor Gott herausschreien, werden wir erleben, wie Gott barmherzig auf uns zukommt und die Not wendet. Oder anders gesagt: Klagen und Jammern können sehr wohl nützlich und hilfreich sein. Weil da nämlich einer ist, der zuhört. Einer, der helfen kann. Einer, der helfen will.

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