/ Wort zum Tag

Johannes 11,32

Bibelvers

Als nun Maria dahin kam, wo Jesus war, und sah ihn, fiel sie ihm zu Füßen und sprach zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

Johannes 11,32

Vor einigen Wochen musste ich einen Kollegen als Notfallseelsorger zu einem Unfall schicken, der gerade erst geschehen war. Ein zweieinhalbjähriger Junge war vor den Augen seiner Mutter von einem Lastwagen erfasst und tödlich verletzt worden. Unfassbar! Unbegreiflich! Schockierend! Dieses unsagbare Elend schlug wie ein Blitz in das Leben der Eltern, Grosseltern und auch des Chauffeurs ein. Warum hatte Gott es nicht verhindert? Warum hatte er nicht einen Schutzengel gesandt, um das noch so junge Leben dieses Kindes zu retten? Ist Gott in solchen Momenten einfach einen Augenblick lang abwesend?

Waren Sie auch schon von Gott enttäuscht, weil er sich vor uns zu verbergen scheint oder ungerechtes Leiden zulässt?
Ich nehme an, dass Atheisten nie von Gott enttäuscht sind. Sie erwarten ja nichts von ihm und bekommen auch nichts. Frei nach dem Motto: „Gesegnet ist der Mensch, der nichts erwartet. Er wird nie enttäuscht werden.“
Als gläubiger Christ erwarte ich aber, dass mein himmlischer Vater sich um das Leben seiner Geschöpfe und Kinder kümmert. Und die Bibel macht Mut, uns wie David an Gott zu wenden und zu sagen: „Enttäuscht wird niemand, der auf dich hofft!“ (Ps 25,3, vgl. 22,6).

Wer Gott vertraut, wird nie enttäuscht. Das möchte ich glauben. Doch in den schwersten Krisenzeiten meines Lebens war ich von Gott enttäuscht. Ich verstand ihn nicht und fühlte mich von ihm allein gelassen. Vielleicht ergeht es auch Ihnen so. Im Leiden stehen unsere Gefühle oft im Widerstreit mit unserem Glauben. Wir haben uns nach einem glücklichen und einfachen Leben gesehnt, doch Gott hat uns Probleme, Krankheit, Leiden und Verlust nicht erspart. Wir haben immer wieder um Befreiung gebetet, doch Gott hat unsere Gebete nicht so schnell wie erwartet erhört oder nicht so, wie wir uns das gewünscht hätten.

Es ist wie damals in Israel, als Lazarus, Maria und Marta, Freunde von Jesus, in einer Notsituation waren. Sie baten Jesus, ihnen zu Hilfe zu kommen und glaubten fest daran, dass er Lazarus heilen könnte. Doch als Jesus endlich bei ihnen eintraf, war Lazarus schon gestorben und bereits seit vier Tagen begraben. Beide Schwestern waren nicht nur traurig, sondern auch enttäuscht. Sie hätten die Hilfe ihres Freundes so dringend gebraucht. Und so sagte zuerst Marta und später auch Maria zu Jesus: „Herr, wärst du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben“ (Joh 11,21.32). Von Gott enttäuscht. Das kennen wir! „Herr, wenn du hier gewesen wärst, dann wäre dieses grenzenlose Elend nicht geschehen!“

Doch wie reagiert Jesus auf die Not der beiden Schwestern? Er kennt ja das menschliche Herz so gut wie niemand sonst. Mit der tatkräftig handelnden Marta führt er ein hilfreiches Glaubensgespräch und erklärt dabei die Situation. Als er jedoch die in ihrem Schmerz versunkene Maria weinend vor sich sieht, empfindet er das tiefe Leiden mit ihr. Er ist innerlich und äusserlich erschüttert und weint. Und dann handelt er so schnell wie möglich. So ist Gott! Nicht kalt, nicht abweisend und nicht unbeteiligt. Er „weint mit uns, damit wir eines Tages mit ihm lachen können“ (Jürgen Moltmann).

Noch ein Letztes können wir aus dem biblischen Bericht lernen. Jesus war aus gutem Grund nicht rechtzeitig beim kranken Lazarus erschienen. Seine Jünger und die beiden Schwestern von Lazarus sollten in dieser Situation Vertrauen lernen (Joh 11,15.22-27.40). Das ist auch heute noch genauso. Gott trainiert unser Vertrauen. Zu diesem Zweck muss er manchmal unsere oft falschen Erwartungen ent-täuschen. So können wir lernen, allem Übel zum Trotz darauf zu vertrauen, dass er uns liebt und dass sein Weg für uns der beste ist. Auch wenn wir diesen Weg im Moment nicht verstehen können, er führt uns schliesslich zum guten Ziel. (Jes 55,8.9). Glauben Sie das?

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