/ Wort zum Tag

2. Mose 20,12

Gedanken zu Losung/Lehrtext des Tages.

Für viele hat dieses Gebot einen unerfreulichen Klang; vor allem für die, die noch Kinder und Heranwachsende sind. Wenn ich mit den jungen Leuten im Biblischen  Unterricht zur Lektion über die Zehn Gebote komme, dann ist es das fünfte Gebot, das sie zunächst am liebsten überspringen möchten. Das hat wohl damit zu tun, dass sich das Gefühl einschleicht, hier bekommen die Eltern eine Waffe in die Hand gegen ihre Kinder. Doch das 5. Gebot ist nicht eine Verstärkung der Position der Eltern gegenüber ihren Kindern, sondern ein Schutz der schwächeren Eltern, wenn sie alt geworden sind. Machen wir uns doch bewusst: die junge Generation ist die, die an Macht zunimmt, die älter werdenden Eltern sind die an Macht Abnehmenden.

Darum sagt das Gebot nicht: Gehorcht Euren Eltern, sondern es sagt: "Ehre deinen Vater und deine Mutter!"

Ehren   das heißt zuerst: dankbar sein. Nicht alle Menschen sind Eltern, alle Menschen aber sind Kinder und das heißt, sie empfangen das Leben durch andere Menschen. Und wir haben Grund für das Leben zu danken. Und für das Leben, das wir haben, können wir in der Weise danken, dass wir unseren Eltern danken, von denen wir es empfangen haben. Weil sie Menschen mit Begrenzungen und Fehlern sind, wie wir selbst, darum sind sie unserer Kritik ausgesetzt. Aber die Kritik kann die Ursache zum Dank nicht aufheben. Auch wer mit Groll an seinen Vater oder an seine Mutter denkt, vielleicht mit sehr begründetem Groll   das 5. Gebot kann ihn anregen, nachzufragen und zusammenzurechnen, was er, - bisher vielleicht übersehen -, ihnen zu danken hat. Und der Dank wird ihm helfen, über den unguten Groll hinwegzukommen und zu verzeihen und  zu ehren.

Ehren bedeutet für mich auch: mitreden lassen. Gebieten können die alt gewordenen Eltern nicht mehr. Aber leben heißt: mitsprechen und raten dürfen. Wer den Alten das verweigert, der schiebt sie zu den Toten, während sie noch leben. Wer sie mitreden und mitberaten lässt, der wird um ihre Erfahrungen reicher und schenkt ihnen mehr Lebensqualität.

Ehren heißt für mich weiter: dem Schwächeren seine Würde lassen. Wer ehrt, der nützt nicht die eigene Stärke zur Entwürdigung und zur Erniedrigung des Schwächeren aus. Altern ist mit vielen Entwürdigungen verbunden, mit vielen entwürdigenden Diensten, deren ein alter Mensch bedarf, je schwächer er wird. Darum gilt es in der Behandlung bei Alten, besonders auch in der Pflege der Eltern, wenn sie immer hilfsbedürftiger geworden sind, ihnen bis zu ihrem letzten Atemzug die Würde zu geben, auf die jeder Mensch Anspruch hat. Das heißt ehren.

Indem wir die Alten ehren, lernen wir auch, alle Schwächeren um uns zu ehren, die Kranken, die mit Behinderungen, die Asylsuchenden, die Fremden unter uns, die gesellschaftlich Gestrandeten und auch die Kinder! Das 5. Gebot zielt auf ein gutes Verhältnis der Generationen, aber eben nicht nur zwischen Eltern und Kinder, sondern auch der Menschen allgemein, so dass sie nicht verurteilen, ablehnen und ausgrenzen, vielmehr menschenwürdig einander begegnen und miteinander leben.


Ihr Kommentar

Die E-Mail wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Cookies helfen uns, Ihr Benutzererlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie unseren Datenschutz und Cookie Richtlinien sowie der Speicherung von Daten im Rahmen des EU-US Privacy Shield zu. Mehr erfahren