/ Wort zum Tag

Psalm 71,8

Bibelvers

Lass meinen Mund deines Ruhmes und deines Preises voll sein täglich.

Psalm 71,8

Da sitzt er vor mir. Sein Rücken ist gebeugt, seine Augen wollen nicht mehr so wie früher, seine Gelenke schmerzen… Manchmal muss er sich orientieren: Haben wir jetzt Mittag oder Abend? Sonntag oder Montag?

Auch Gesichter kann er oft nicht mehr zuordnen. „Ist der junge Mann im Gottesdienst mein Enkel, oder doch ein Jugendlicher aus dem Jugendkreis?“ Sie amüsieren sich darüber und freuen sich über diesen freundlichen alten Herrn.

Seinen Geburtstag hat er gerade gefeiert. 95 satte Lebensjahre liegen hinter ihm.
Er ist alt geworden, mein Vater. Aber sein Herz ist frisch geblieben. Kein Tag vergeht, an dem er nicht seinem Gott im Himmel dankt. Dafür, dass er sich noch bewegen kann und versorgt wird. Dass ihm das Essen schmeckt und er jede Nacht gut schläft.

Meine Gedanken gehen zurück: Vater lehrt uns Töchter zeitig, was es heißt, einen liebenden Vater im Himmel zu haben. Dadurch fällt es mir nicht schwer, auch an so einen zu glauben.

Sein ganzes Leben ist durchdrungen von der Hingabe an diesen Gott des Lebens.

Er arbeitet als privater Zahnarzt in einer kommunistischen Gesellschaft und scheut sich nicht, christliche Zeitschriften in das Wartezimmer seiner Praxis zu legen. Ob die Patienten es wollen oder nicht, er kommt mit ihnen über den christlichen Glauben ins Gespräch. Erklärend, einladend, liebevoll. Und so erleben sie ihn auch in der Zahnbehandlung. "Er ist der beste Zahnarzt der Stadt", sagen die Leute, "da lässt man sich das Missionieren eben auch gefallen."

Selbst die Lehrer seiner Töchter gehen mit diesem Christen anders um. Er sucht das offene Gespräch, auch über politische Fragen. Das gefällt ihnen zwar nicht, aber sie respektieren ihn: „Bei dem stimmt Leben und Glauben einfach überein!“

Nun ist er alt geworden - und gebrechlich. Seine Jahre sind gezählt. Und doch weiß er, dass es Gnade ist, jeden Tag auf seinen Vater im Himmel zu vertrauen. Mit David, von dem das heutige Losungswort stammt, bittet auch er: „Lass meinen Mund deines Ruhmes und deines Preises voll sein täglich.“

Und Gott hat dieses Gebet erhört. Vater berichtet bis heute darüber, wie Gott ihn im Leben geleitet hat.
Wie er als Soldat im fernen Afrika durch einen Freund darauf aufmerksam gemacht wird, dass er eine eigene Entscheidung für Gott treffen muss - auch wenn er aus einem christlichen Elternhaus stammt.
Wie seine damalige Verlobten von dieser Entscheidung hört und sich daraufhin von ihm trennt. Wie er dann Edith findet, mit ihr eine Familie gründet und 53 Jahre glücklich verheiratet ist.
Wie er Gott jeden Tag dankt für seine Töchter, Enkel, Urenkel - und nun für seine zweite Frau Ingrid.

Das alles erzählt Vater an Tagen, wenn seine Gedanken und Erinnerungen klar sind. Und hier und da sehe ich Tränen in seinen Augen. Nicht vor Kummer, sondern vor Dankbarkeit, weil er sein Leben als überaus gesegnet empfindet.
Einmal spricht er mit mir über seine stille Bitte, die er an Gott hat: Er möge ihm diese Erinnerungen wach halten.

In der letzten Strophe des Liedes „Solange ich lebe“ beschreibt Christoph Zehendner, was mein Vater, könnte er Lieder schreiben, wohl auch so sagen würde:

„Ich will es meinen Enkeln sagen, die Kinder sollen‘s alle hör‘n.
Wie treu du bist an allen Tagen, wie froh ich bin, dir zu gehör‘n.
So lang ich lebe dank ich dir, gib mir die Kraft dafür.“

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