/ Wort zum Tag

Jeremia 31,18

Gedanken zu Losung/Lehrtext des Tages.

Bibelvers

Bekehre du mich, so will ich mich bekehren; denn du, Herr, bist mein Gott!

Jeremia 31,18

Eine Lithographie von Ernst Barlach fasziniert mich immer wieder neu: „Der Müde“. Mit zarten, aber doch markanten Strichen stellt der Künstler einen alten Mann dar. Abgearbeitet, gekrümmt. Er stützt sich auf seinen Stock. Er droht zu fallen. Seine Augen sind ängstlich zur Seite hin, nach unten auf etwas Unbekanntes gerichtet. Und dann hat Barlach eine zweite Gestalt in das Bild gezeichnet. Ein Engel kommt von oben. Mit beiden Händen umschließt der das Gesicht des Müden. Und ich spüre förmlich, wie der Engel den Kopf des Alten zärtlich, aber doch fest, umdrehen will. So, als wollte er ihm sagen: „Schau doch weg. Komm, ich will dir etwas zeigen, was dich erfrischt, was dir wieder Mut macht.“ Ich entdeckte dieses Bild in meinem Evangelischen Gesangbuch neben dem Lied: „Christus, der ist mein Leben“.

Im Buch des Propheten Jeremia in Kapitel 31 Vers 18 steht: „Bekehre du mich, so will ich mich bekehren; denn du, Herr, bist mein Gott!“ Ob in diesem Bild von Ernst Barlach etwas vom Geheimnis der Aussage des Jeremia aufleuchtet?

Wie oft finde ich mich wieder in der Gestalt des alten müden Mannes. Mein Alltag bedrückt mich, die Aufgaben fesseln mich und die bunten Angebote in der Stadt faszinieren oder blockieren mich. Meine Augen sind ständig auf das gerichtet, was mich umgibt, dringlich ist und drängt. Und wenn ich ehrlich bin, spüre ich, wie die Motivation sinkt und Müdigkeit sich breit macht.

Ähnlich ging es dem Propheten Jeremia. Er sieht, wie sein Volk sich abmüht und abrackert und doch nicht von der Stelle kommt. Wie schnell vergisst man darüber Gott, der doch eigentlich Ursache, Quelle und Inhalt des Lebens ist. Jeremia klagt: „Kehr zurück, Jungfrau Israel, kehr zurück. Wie lange willst du in der Irre gehen, du abtrünnige Tochter?“ Und in diese Klage hinein wird sein Gebet zu einem Wendepunkt. Martin Buber, der jüdische Religionsphilosoph übersetzt treffend: „Kehren lasse mich nun, dass ich umkehren kann, Du bist ja, mein Gott!“ Oder anders übertragen: „Dreh mir den Kopf um, dass ich sehe, was wirklich wichtig ist. Richte meinen Sinn wieder auf dich, damit ich erkenne, wo  mein Weg lang gehen kann. Lass mich neu dich sehen, damit ich mein Leben wieder gelassen, zuversichtlich und kraftvoll leben kann.“

Vermutlich braucht es diesen Rempler von außen immer wieder. Von alleine wenden wir uns nur schwer um. Der „Engel, der uns den Kopf verdreht“ kann viele Ausdrucksformen haben: Ereignisse, die uns erschüttern, Worte, die uns treffen, Begegnungen, die uns überraschen. Gott ist dabei sehr kreativ. Aber er tut  es immer wieder und immer wieder neu. Das ist gut. Und wir tun gut, wenn wir darauf eingehen und es neu mit ihm wagen. „Du bist ja mein Gott“. Durch die Umkehr finde ich wieder zum vertrauten Du. Gott steht mir nicht mehr fremd oder drohend gegenüber, sondern kommt mir als Freund, als Vertrauter nahe. Ihm liegt viel an unserer Beziehung. Ihm liegt viel an meinem Leben.

Tipp:

Die Lithographie „Der Müde“ von Ernst Barlach (Museum der Bildenden Künste Leipzig) finden Sie im Evangelischen Gesangbuch, Ausgabe Württemberg, Seite 948


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