/ Wort zum Tag

Sacharja 1,17

Es war eine schwierige Beziehung gewesen. Klar, sie hatten wunderbare Zeiten erlebt. Glückliche Zeiten, in denen die Liebe aus beinahe allen Knopflöchern sprang. Doch das hatte sich im Laufe der Jahre geändert. Manchmal dachten sie an einen Satz des französischen Schriftstellers Albert Camus: „Man liebt. Man heiratet. Man arbeitet. Man arbeitet so viel, dass man darüber das Lieben vergisst.“ Was sie miteinander teilten, war im Laufe der Jahre immer weniger geworden. Das Unausgesprochene, das Unbewältigte dagegen hatte sich Schicht für Schicht zu einem riesigen Berg vor ihnen aufgetürmt. Irgendwann konnten sie einander nicht mehr sehen, einander nicht mehr hören. Sie ihn nicht. Er sie nicht. Da war es nur konsequent, dass er eines Tages die Koffer packte und sich eine eigene kleine Wohnung suchte. Nichts hielt sie mehr beieinander. Der Gesprächsfaden war abgerissen und niemand schien mehr in der Lage, die losen Enden dieses Fadens wieder zusammen zu knüpfen.

Da erreichte ihn eines Tages die unerwartete und schockierende Nachricht, dass seine Frau gestorben war. Ganz plötzlich. Nun war es endgültig zu spät für ein Gespräch. Nun konnten die vielen Fragen, die sich zwischen ihnen aufgetürmt hatten, nicht mehr beantwortet werden. Nun konnten die Geheimnisse, die sie voreinander verborgen hatten, nicht mehr gelüftet werden. Seltsam leer fühlte er sich, als er an ihrem Grab stand. Leer und trostlos und hoffnungslos.

In einem der wenigen Kondolenzbriefe, die er nach der Beerdigung bekam, stand ein merkwürdiges Wort aus dem Buch des Propheten Sacharja: „Der Herr wird Zion wieder trösten.“ Zion – das war Jerusalem. So viel wusste er. Aber was hatte er mit Zion zu tun? Was mit Jerusalem? Als er die Geschichte aus dem Alten Testament noch einmal nachlas, wurde ihm klar, dass es da doch eine ganze Reihe von Parallelen gab. Als der Prophet Sacharja dieses Wort zu Papier brachte, lag Jerusalem in Trümmern. Die meisten Bewohner waren Jahrzehnte zuvor vertrieben worden. Nun kamen die ersten zurück, wagten ängstlich und zögernd den Neuanfang. Bauten eine neue Mauer um ihre Stadt. Legten einen Grundstein für einen neuen Tempel. Das Haus ihres Gottes. Trostlos und hoffnungslos schien die Lage. Und mitten hinein kam auf einmal dieses Wort: „Der Herr wird Zion wieder trösten.“ Der Herr – nicht irgendein Mensch. Der Herr, der Himmel und Erde gemacht hat. Der Herr, der sich für Zeit und Ewigkeit an seine Menschen gebunden hat. Der Herr, dessen Macht unbegrenzt ist und dessen Liebe unzerstörbar. Wenn der tröstet, dann ist Trost da. Dann gibt es auch wieder Hoffnung.

Ja, so ähnlich fühle ich mich auch, dachte er. So ähnlich wie die Menschen in Jerusalem damals. Alles zerstört. Die Mauern eingerissen. Keine wirkliche Zukunftsperspektive. Aber wenn es selbst für Jerusalem damals Hoffnung gab, weil sich Gott wieder zugewandt hat, weil seine Gnade und sein Erbarmen den Mächten der Zerstörung Einhalt geboten haben, und weil dieser Gott damals einen neuen kleinen Anfang möglich gemacht hat, dann, ja dann würde das ja vielleicht auch für ihn gelten. Dann könnte er seine Frau und die gescheiterte Liebe und all die unbeantworteten Fragen einfach diesem Gott geben und sein eigenes verwundetes Herz gleich dazu. Dann könnte er ihn einfach bitten: „Nimm meine Frau in Gnaden auf und tröste mich und heile, was zerbrochen ist.“

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