/ Wort zum Tag

1. Chronik 29,15

Bibelvers

Wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter alle. Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibet nicht.

1. Chronik 29,15

„Migrationshintergrund“ ist ein gängiger Begriff. „Migration“ ist ein lateinisches Wort für „Wanderung, Einwanderung“. Gemeint sind damit Personen und Familien, die nicht von hier stammen, sondern zugewandert sind. Man erkennt dies oft am Namen, manchmal auch an der Sprache oder dem Aussehen. „Migrationshintergrund“ wird meist als nachteilig empfunden. Bei der Wohnungssuche und bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz wirkt es manchmal erschwerend, wenn man 'fremd' ist, nicht 'eingesessen', noch kaum Beziehungen hat und anscheinend 'nicht richtig dazu gehört'.

Ein Satz aus dem 1. Chronikbuch, Kap. 29, Vers 15 benennt diesen Zustand und verallgemeinert ihn. Im Grunde, sagt er, sind „wir“ alle „Fremdlinge“, d. h. Ausländer, die zugewandert sind. „Wir“ sind auf der Erde nur „Gäste“ mit befristeter Aufenthaltserlaubnis und Gaststatus. „Wir“ sind nur eine Zeit lang da und müssen eines Tages wieder wegziehen. „Unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibt nicht.“

Aus allen Kulturen der Menschheit sind Gedichte und schwermütige Lieder bekannt, die von der Fremdheit und Vergänglichkeit des Menschen auf der Erde handeln. - Dieser Satz aus der Bibel aber ist als Gebet gesprochen. „Vor dir“, dem unvergänglichen Gott, sagt er, wird mir bewusst: „Wir sind Fremdlinge und Gäste ... wie unsere Väter alle.“

Wenn ich nun aber einen Blick auf den Zusammenhang werfe, in dem dieser Satz steht, fällt mir auf, dass er nicht, wie es zunächst scheinen könnte, ein schwermütiger Ausdruck der Resignation ist. Ich höre vielmehr eine Art munteren Understatements heraus. Der Sprecher dieses Satzes fühlt sich keineswegs benachteiligt oder zurückgesetzt. Er berichtet ganz im Gegenteil von einem erstaunlichen Erfolg. Der Sprecher ist König David. Geplant war der Bau des Tempels. Salomo sollte ihn ausführen. Aber der Königssohn war noch „jung und zart“. Der Vater stellte einstweilen schon das Baumaterial bereit. Er bezahlte es aus eigener Tasche und er forderte auf, dass andere sich ebenfalls mit Spenden beteiligen sollten. Das Echo war staunenswert. Die Leute spendeten nicht nur reichlich, sondern auch gerne und „von ganzem Herzen“.

Bei einem Gottesdienst sprach der König öffentlich ein Dankgebet. Angesichts des überwältigenden Spendenaufkommens sagte er: „Gott, es kommt alles von dir.“ „Wer bin ich?“ Was ist schon unser Volk? Was wir „gegeben“  haben, hatten wir zuvor aus deiner Hand „empfangen“. In dankbarer Freude und ein wenig stolz sagte er: „Von dir ist alles gekommen“; und er fügte hinzu: „Denn wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsere Väter alle.“ Das heißt: Es geht uns unerwartet gut. Wir haben keinen Grund zu klagen. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob wir uns bei diesem sozusagen allgemein menschlichen „Migrationshintergrund“ zwar vorübergehend wohl fühlen, aber doch letzten Endes heimatlos bleiben. Im Neuen Testament gibt der Hebräerbrief im 11. Kapitel, Vers 14 und 16 einen Hinweis auf den Grund, warum dieser Satz Davids ganz positiv aufzufassen ist. „Die solches sagen“, heißt es dort, „geben zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen.“ Sie haben sich also nicht bedauernd damit abgefunden, dass der Mensch eben ein unglücklich heimatloses Wesen ist. Der Hebräerbrief fährt fort: „Nun aber strecken sie sich aus nach einer besseren Heimat, nämlich nach der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht und lässt sich ihr Gott nennen; er hat ihnen ja eine Stadt bereitet.“

 

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