/ Wort zum Tag

Römer 11,33

Bibelvers

O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen und unerforschlich seine Wege!

Römer 11,33

Vor einiger Zeit hatte ich in einem Hotel zu tun. An der Rezeption begrüßte mich eine junge Mitarbeiterin. An ihrem Revers trug sie eine kleine Anstecknadel: „Ich lerne noch.“ Aha, dachte ich, eine Auszubildende. Sie ist noch nicht allzu lange im Geschäft. Da hat jeder Verständnis, wenn manches noch nicht 100 % funktioniert. Wer noch lernt, dem sieht man manches nach. „Ich lerne noch.“

Solch ein kleines Schild brauchten wir eigentlich alle, Sie genauso wie ich. Und Paulus auch. Was er über den heiligen und unsichtbaren Gott schreibt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Paulus ringt nach Worten.
Gott ist „unergründlich“ und „unerforschlich“. Keiner durchschaut ihn voll und ganz. Gott übersteigt unser Denken. Er lässt sich weder mit Forscheraugen durchdringen noch mit unseren Begriffen definieren. Wir loten ihn niemals aus. Unser Denken ist nur ein kläglicher Versuch. „Ich lerne noch.“

Aber darin liegt der Unterschied: Die Auszubildende wird irgendwann ihre kleine Anstecknadel ablegen. Sie wird ihre Lehrzeit abschließen. Dann - davon ist auszugehen – wird sie ausreichend Kenntnisse gesammelt haben, um ihren Beruf auszuüben. Anders bei uns: Wenn es um Gott geht, lernen wir lebenslang. Wir bleiben blutige Anfänger. Ganz gleich, wie lange wir schon als Christen unterwegs sind und wie tief wir uns mit theologischen Fragen beschäftigt haben – alle miteinander müssen wir uns eingestehen: „Ich lerne noch.“ Und manchmal tut dieses Lernen regelrecht weh. Denn wenn es praktisch wird und in unser Leben hineingreift, dann kann uns das mächtig irritieren.

Gott kann nicht nur wohl tun – er kann uns auch wehtun. Ich denke an ein Ehepaar. Dessen zwanzigjährige Tochter erkrankt an Krebs. Eine lange Kette von Therapien, Krankenhausaufenthalten und Gebeten setzt ein. Rückschläge und leise Hoffnungen wechseln einander ab. Doch am Ende siegt die böse Krankheit. Was für ein Schmerz! Was für eine Trauer! Hätte Gott nicht heilend eingreifen können?

Wir, die wir heute das Wort des Paulus hören, könnten weitere Nöte und ungelöste Fragen anfügen. Doch Paulus macht uns klar: Wir ergründen Gott nicht. Wir kommen seinen Absichten nicht auf die Spur. Wenn wir in Krisen hineingeraten, ist offensichtlich nicht Gott das Problem, sondern die Bilder, die wir uns von Gott gemacht haben und die in unseren Köpfen umherspuken. Unsere irrigen Vorstellungen über Gott lassen uns im Stich.
Deshalb gilt es dazuzulernen, neue Einsichten über Gott zu gewinnen und unser Bild von ihm zu erweitern.
Dazu hat mir Martin Luther geholfen. In einem plastischen Vergleich sagt er: „Wenn man denkt, unser Herr Gott hab einen verworfen, so soll man's dafür halten, unser Herr Gott hab ihn in den Armen und herze ihn." Auch das gehört für mich zum Dazulernen: Selbst dann, wenn ich mich über Gott ärgere und ihn nicht verstehen kann, befinde ich mich in seinen guten Händen. Gott bleibt mir zugetan, auch wenn ich ihn nicht verstehen kann.
Der „unergründliche“ und „unerforschliche“ Gott meint es gut, selbst wenn es manchmal gegenteilig aussieht. Das wischt dem trauernden Ehepaar die Tränen nicht weg. Der tiefe Schmerz über den Verlust der Tochter bleibt. Aber das Wissen um Gottes Absichten hilft, mit dem leeren Platz fertig zu werden.

„Ich lerne noch.“ Paulus tut’s und wir auch. Wer weiß, welche Lektionen es für Sie und mich noch zu lernen gibt! Doch größer als das, was wir von Gott heute noch nicht wissen, ist das, was wir von ihm durch Jesus Christus wirklich wissen. Das reicht aus, voller Vertrauen zu leben. Der Gott, dessen „Weisheit“ und „Erkenntnis“ uns haushoch überlegen ist, hat Sie und mich in sein Herz geschlossen. Darauf will ich mich verlassen. Das zu glauben, will ich lernen – je länger, je mehr.
 

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