/ Wort zum Tag

1. Johannes 4,1

Gedanken zu Losung/Lehrtext des Tages.

Bibelvers

Glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.

1. Johannes 4,1

Das Wort für den heutigen Sonntag rüttelt auf, es warnt und ermutigt uns zu einer kritischen, ja misstrauischen Grundhaltung unserer Welt gegenüber. „Glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten in die Welt hinausgegangen!“

Man könnte ja meinen, dass wir diese Ermahnung nach den Erfahrungen des letzten Jahrhunderts eigentlich gar nicht mehr brauchen sollten. „Geister“, die uns mit ihren politischen Parolen, Parteiprogrammen und Heilsversprechungen in die Irre und ins Chaos verführt haben, mussten wir in Europa ja zur Genüge aushalten. Sind wir nun für alle Zeiten vor solchen Rattenfängern gefeit?

Dieser Frage sollten sich auch Christen stellen. Denn wie viel blinde und naive Ergebenheit gegenüber Parteien, Ideologien und Führern gab es doch im 20. Jahrhundert gerade unter Christen! Diese Erfahrungen haben erschreckend gezeigt, wie leicht sich auch Christen von „falschen Propheten“ umgarnen lassen.

Johannes, der alte Bischof der Gemeinde von Ephesus, hatte es damals weniger mit der Politik zu tun als mit innerkirchlichen Tendenzen, den christlichen Glauben mit heidnischer Esoterik, religiösen Spekulationen und gnostischen Geheimkulten zu vermischen! Im weitläufigen Bischofsbezirk von Ephesus waren nämlich „Lichtgestalten“ wie zum Beispiel der wortgewaltige Kerinth aufgetreten. Sie hatten über Jahre hinweg mit ihren volkstümlichen und faszinierenden Lehren die christlichen Gemeinden verunsichert und gespalten. Für Bischof Johannes ging es hier nicht nur um Nuancen des christlichen Glaubens, sondern um Lüge und Wahrheit, um Tod und Leben.

Das konsequente Prüfen der Geister und das radikale Unterscheiden zwischen Glaube und Unglaube hat Johannes auch in seinem Alltag praktiziert. So erzählt Polykarp, der Bischof von Smyrna, dass Johannes eines Tages wie gewohnt das Thermalbad gegenüber der Bibliothek im Zentrum von Ephesus besuchen wollte. Als er beim Betreten der Bäder den erwähnten Irrlehrer Kerinth im Wasser schwimmen sah, soll er das Haus fluchtartig und mit lautem Schreien verlassen haben: „Fort! Dass nicht gar das ganze Bad einstürzt, in dem Kerinth badet, der Feind der Wahrheit!“

Von dieser kritischen Prüfung der gnostischen Irrlehren ist der ganze erste Johannesbrief geprägt. Er ist ein frühchristliches Beispiel für den Ernst, mit dem die Gemeindehirten um den Erhalt der christlichen Wahrheit gerungen und gekämpft haben – in ständiger kritischer und prüfender Auseinandersetzung mit der Welt!
Sind wir 1900 Jahre später klüger und weiser, so dass wir diese Auseinandersetzung nicht mehr brauchen?
Wissen wir es besser nach den vielen negativen Erfahrungen mit solchen Rattenfängern, geschäftstüchtigen Scharlatanen, Diktatoren, Halbgöttern und machthungrigen Parteibonzen? Und nach den vielen negativen Erfahrungen mit Sektenführern, falschen Propheten, schwärmerischen Bewegungen und frommen utopischen Experimenten in der Kirchengeschichte? Fast könnte man es meinen, aber das wäre ein fataler Irrtum! Subtile Verführungen gibt es bis heute. Die Versuchung, den christlichen Glauben stromlinienförmig unseren Zeittrends anzupassen, bleibt eine permanente Herausforderung. Dazu gäbe es viel zu sagen! Hier nur Folgendes:

Zur Prüfung sind mir die vier reformatorischen „Sola“-Sätze wichtig und hilfreich: Allein Christus, allein das Wort der Bibel, allein die Gnade und allein der Glaube! Wo dieses ’Allein’ konkurrenziert wird durch andere Ansprüche, Zusätze, Überbetonungen, durch besondere fromme Leistungen oder Heilsbringer, ist zu prüfen, ob diese Geister von Gott geleitet sind. Wenn sich Menschen mit speziellen Sonderlehren in den Vordergrund schieben oder sich sogar an Gottes Stelle setzen, weht ein anderer Geist!

Der Glaube an Jesus Christus ist also immer auch kritisch-misstrauisch! Nur so bleibt er gesund!
 


Kommentare

Von Jürgen Singer am .

Ich kann es nur bestätigen: "Den christlichen Glauben stromlinienförmig unseren Zeittrends anpassen": das geschieht am laufenden Band, auch in vermeintlich frommen Gemeinden. Da möchte man "niederschwellige Angebote" machen, und merkt oft nicht, wie dabei das ganze Evangelium oder doch Teile daraus auf der Strecke bleiben. Das mag man dann "Schwerpunktverlagerung" nennen und damit suggerieren, es sei ja nicht so schlimm. Aber auch Schiffe gehen unter, wenn der Schwerpunkt deutlich verlagert mehr

Von Klaus u Heidi Oelschläger am .

Sehr aktuell und stärkend auch für unsere Gemeinde, weshalb ich die Print-Form auch unserem Pfr. schickte, der hart zu kämpfen hat und Ermutigung braucht.

Von zulumixer am .

Nach 2letzten Abschnitt... Wie betrachtet ihr dann die Ökumene?

Von Roesger am .

Wie wahr!

Von Dagmar Rudolph am .

Zu Ihrer Andacht kann ich nur sagen: Jawohl, Amen! Vielen Dank für dies klare Wort! Der Herr segne Sie.


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