/ Wort zum Tag

Lukas 13,11; 12 – 13

Gedanken zu Losung/Lehrtext des Tages.

Bibelvers

Eine Frau war da, die war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott.

Lukas 13,11; 12 – 13

Es war ein wunderbarer Tag gewesen: Ihr Geburtstag. Beinahe 24 Stunden lang hatte sie dort gestanden, wo sie sich am wohlsten fühlt: Im Mittelpunkt. Schon am frühen Morgen hatte das Telefon geklingelt. In der Wunschliedersendung des ERF wurde sie von ihrem Gemeindepastor gegrüßt. Dann kamen die ersten Freundinnen und die Familie. Alle hatten sich hübsch angezogen, hatten ein paar Blümchen dabei oder einen Kasten Pralinen. Und alle hatten ihr Gutes gewünscht: Glück und Segen. Der Kirchenchor brachte ihr am Nachmittag noch ein Ständchen.

Wochenlang hatte sie sich auf diesen Tag vorbereitet. Hatte gekocht und gebacken und gewienert. Hatte sich in der kleinen Boutique in ihrer Straße ein schickes Kostüm rausgesucht. Und hatte sich natürlich einen Tag vor dem großen Ereignis noch einen ausgiebigen Friseurbesuch gegönnt. Der Erfolg gab ihr Recht. „Dir glaubt doch ohnehin keiner, dass du heute 70 wirst“, sagte Nachbar Karl. Und natürlich hatte sie die Blicke ihrer Cousine Hertha wahrgenommen und das anerkennende „Du hast deine Wohnung wirklich im Griff. Hier ist alles wie immer Tipp top.“

Ja, sie hatte alles im Griff. Immer schon hatte sie alles im Griff. Den Haushalt. Die Familie und auch die Gruppen in der Kirchengemeinde, die sie über die Jahre geleitet hatte. Sie hatte ihre Kinder im Griff. Aus allen war etwas geworden. Irgendwie hatte sie auch ihren Mann im Griff. Der allerdings lebte nun schon seit ein paar Jahren nicht mehr. Das war einer der wenigen Wehrmutstropfen an diesem wunderschönen Tag.

Am Ende waren sich alle einig: Sie war eine bewundernswerte Frau. Eine beneidenswerte Frau sogar.

Dann kam der Geburtstag ihrer Cousine Hertha. Hertha war fünf Jahre jünger als sie und sah – das musste sie zugeben, wenn auch widerwillig – fünf Jahre jünger aus – mindestens. Auf diesen Tag hatte sie sich so gar nicht gefreut. Es war ja auch nicht ihr Tag. Aber sie wollte das Beste daraus machen. Zum Beispiel mit einem ausgefallenen Geschenk glänzen. Doch irgendwie ging an diesem Tag alles schief. Das Geschenk, ein teurer Bildband über die Geschichte ihrer gemeinsamen Heimatstadt, stand längst im Bücherschrank der Cousine. Der Kuchen, den sie mitgebracht hatte, war nicht wirklich geraten. Und überhaupt schien sich Hertha mit den anderen Gästen besser zu verstehen als mit ihr. Irgendwie kam sie nicht richtig vor. Irgendwie blieb sie am Rand. Als dann eine von Herthas Freundinnen noch eine unbedachte kecke Bemerkung über sie machte, brach sie unverhofft in Tränen aus, packte Mantel und Handtäschchen und verließ die Geburtstagsgesellschaft. Die blieb konsterniert zurück.

Auch sie fühlte sich ertappt. Ihre glanzvolle und perfekte Fassade hatte Risse bekommen. Sie selbst hatte es entdeckt und andere wohl auch. Im Tiefsten drehte sich bei ihr alles um sich selbst, um ihre Ehre, um ihr Ansehen. Die Theologen der ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hatten dafür auf lateinisch einen passenden Ausdruck: incurvatus in se. Menschen, die in sich selbst verkrümmt sind. Luther sagte später: „Das ist eine Folge der Sünde. Wir Menschen sind in uns selbst verkrümmt. Kreisen nur um uns selbst. Auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, einen anderen Eindruck zu erwecken.“ Die gute Nachricht aber ist: Es ist nie zu spät, aus dieser Selbstverkrümmung heraus zu kommen, auch wenn man sich vielleicht schon lange damit arrangiert hat, vielleicht sogar fromm arrangiert hat. Wer Jesus begegnet, lernt den aufrechten Gang, hört auf, ständig nur um sich selbst zu kreisen, nimmt Gott in den Blick und das, was er will und stellt die Belange seiner Mitmenschen am Ende vielleicht sogar über seine eigenen Belange.

Zur Zeit des Neuen Testaments ist es immer wieder geschehen. Etwa in dieser Geschichte aus dem Lukasevangelium: „Eine Frau war da, die war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott.“

So etwas kann jede und jeder von uns auch heute erleben. Wir müssen nur Jesus an unser Leben heranlassen.


Kommentare

Von Renate am .

Ich finde es gut, dass Jesus da ist, egal wie es mir oder dir geht. Ihm ist nichts unmöglich. Die frommen Fassaden kenne ich. Es geht ganz schnell, wenn man sich sicher ist im Glauben, dass man anfängt, andere zu übersehen. Gut, dass Jesus dann immer noch da ist und einen berührt. Er möchte noch so vielen Menschen helfen! Ich möchte nicht im Wege stehen, sondern Wegbegleiter sein.

Von LISA am .

Von einer Wundertat Jesu haben Sie sich in Ihrer Story komplett verabschiedet. Deswegen steht das wohl auch in Lukas, und nicht im Märchenbuch, oder....
Der letzte Satz reicht eigentlich!

Von Sarah am .

An sich eine schöne Andacht. Aber aus meiner frommen Prägung fallen mir etliche Beispiele ein, wo es auch eine Verkrümmung in die andere Richtung geben kann: Wenn es gar nicht mehr um mich geht, wenn ich nur noch die Belange der anderen über die Meinen Stelle. Und dann leiden Menschen an Burn Out oder an seelischer Erfschöpfung. Oder an chronisch schlechtem Gewissen, weil man denkt, nicht genug zu tun.
Ich frage mich da, wo da die Mitte ist? Und wieso wird so oft über die Verkrümmung in die mehr


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