/ Wort zum Tag

1. Johannes 4,19

Der Taxifahrer behält die Ruhe. Erstaunlicherweise. Das Auto, das aus der Parklücke rückwärts auf die Straße stößt und kreischend zum Stehen kommt, hätte uns fast gerammt. Erschreckt schaut der Unglücksfahrer herüber, legt den Vorwärtsgang ein und rammt fast den nächsten Wagen. „Jetzt hat er völlig die Übersicht verloren“, sagt mein Taxifahrer und winkt den hilflosen Fahrer freundlich heraus: “Geben wir ihm diese Minute“, meint er geduldig, „der Mann ist ja völlig überfordert.“ Nach hektischem Hin und Her gelingt es dem endlich, sich vor uns in den fließenden Verkehr einzufädeln. Fünfhundert Meter weiter, auf dem Zebrastreifen, ein Vater mit seiner kleinen Tochter. Verspielt trödelt sie mit ihrem Dreirad vor sich hin. Heftig schlägt der Autofahrer auf seine Hupe, er schimpft und gestikuliert, als hätte man ihm gerade einen Totalschaden zugefügt. Der Vater winkt ihm entschuldigend zu, er aber lässt sich nicht beruhigen. Mein Taxifahrer schüttelt den Kopf: “Schade, ich habe doch auch auf ihn Rücksicht genommen.“

Diese kleine Geschichte von Christian Collin bringt es auf den Punkt: Rücksicht auf andere zu nehmen, barmherzig mit den Fehlern der Menschen um uns herum umzugehen, das ist gar nicht so einfach. Selbst, wenn ich es gerade andersherum erfahren habe. Und doch ist es so wichtig, wenn wir gut miteinander auskommen wollen. Und es ist das, was Jesus meint, wenn er in der Form eines Gleichnisses über die Vergebung sagt: „Wie euer himmlischer Vater euch mit Barmherzigkeit begegnet, sollt auch ihr barmherzig sein“ (nach Matthäus 18, 23-35). Oder, wie es der Schreiber des ersten Johannesbriefes ausdrückt: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“ (1. Johannes 4,19). Das Gebot der Nächstenliebe ist in Jesu Augen aber nicht nur eine Forderung. Es gibt auch einen ganz wichtigen Grund dafür: Gott hat uns zuerst geliebt. Gott ist wie der Taxifahrer in unserer Geschichte. Jemand, der den Überblick hat. Jemand, der die Ruhe behält. Jemand, der mich nicht bei meinen Fehlern behaftet. So gehen wir ja leider oft nicht miteinander um. Kritik zu üben ist leichter als das Gute am anderen zu sehen und anzusprechen. Dem anderen die Meinung zu sagen ist einfacher als Ruhe zu bewahren und ihm geduldig zu begegnen. Gott aber ist jemand, der barmherzig mit mir umgeht. Das erlebe ich als unglaublich entlastend. Das befreit mich von dem Zwang, perfekt sein zu müssen, immer alles richtig machen zu müssen. Gott liebt mich so, wie ich bin. Mit allen meinen Fehlern, mit meinen Sorgen und Ängsten, mit meiner Schuld. Dieser Zuspruch bedingungsloser Liebe tut mir gut. „Er hat uns zuerst geliebt.“ Am Anfang von allem steht Gottes Liebe. Sie hält mich und trägt mich, gerade auch in schwierigen Situationen. Diese Erkenntnis lässt mich dankbar werden.

Doch bei der Dankbarkeit dafür kann es nicht stehenbleiben. Ich muss mich fragen: Wie halte ich es denn selbst? Nehme ich mir ein Vorbild an dem freundlichen Taxifahrer? Wenn ich erlebe, wie ein anderer Mensch etwas falsch macht, habe ich dann Geduld mit ihm? Oder mache ich nicht doch eher meinem Ärger Luft und lasse ihn das auch spüren? Andere Menschen so zu lieben, wie Gott mich liebt, Rücksicht zu nehmen und Geduld zu haben, das wird nicht immer gelingen. Da geht es uns oft so wie dem Unglücksfahrer, der den Vater mit der trödelnden kleinen Tochter beschimpft. Und dann ärgern wir uns vielleicht hinterher sogar über die eigene Rücksichtslosigkeit. Da hilft dann nur eins: Ich erinnere mich daran, dass Gott mich zuerst geliebt hat und großzügig mit meinen Unvollkommenheiten umgeht. Ich erinnere mich an den Bibelvers aus dem ersten Johannesbrief: „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ Solch eine wohltuende Erinnerung, die wünsche ich Ihnen und mir immer wieder!
 

Cookies helfen uns, Ihr Benutzererlebnis zu verbessern. Wenn Sie die Website weiter nutzen, stimmen Sie unseren Datenschutz und Cookie Richtlinien sowie der Speicherung von Daten im Rahmen des EU-US Privacy Shield zu. Mehr erfahren