/ Wort zum Tag

Jesaja 9,1

Gedanken zu Losung/Lehrtext des Tages.

Bibelvers

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Jesaja 9,1

Einige Tage vor Weihnachten hatte er seine Frau verloren. Sie litt an Depressionen. Unbemerkt hatte sie sich Tabletten verschafft. Jede ärztliche Hilfe kam zu spät. Jahre zuvor war der einzige Sohn einem Verkehrsunfall zum Opfer gefallen. Er hatte die Vorfahrt übersehen. Jetzt lebte der Mann in seinem Einfamilienhaus – für ihn allein viel zu groß. Am Heiligabend sitzt er im Gottesdienst. Es scheint, als ob er noch mit sich ringt. Doch dann – dann stimmt er mit ein: „Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue dich, o Christenheit.“ Nach dem Gottesdienst grüßt ihn der Pastor: „Wie schön, dass Sie gekommen sind.“ „Wie sollte ich zu Hause bleiben?“, war die Antwort. „Weihnachten ist doch das Einzige, woran ich mich jetzt noch halten kann, Herr Pastor.“

Im biblischen Motto, das über dem heutigen Tage steht, heißt es mit einem Wort des Propheten Jesaja: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Der Sohn Gottes, an den die Christen glauben, kam nicht in eine Welt des helllichten Morgens, voller Glanz und Glorie. Es war stockdunkel, als er das Licht dieser Welt erblickte. Höchstens eine rußende Stalllaterne brannte. Macht und Gewalt waren wie zu den Zeiten eines Jesaja an der Tagesordnung. Menschen wurden unterdrückt, hoffnungsleere Gesichter gab es bei weitem mehr als erwartet. Das ist bis heute so geblieben. Es gibt auch heute, nicht nur angesichts der täglich kürzer werdenden Tage im November, mehr Dunkel als uns das lieb sein mag, mehr Schwermut und Einsamkeit als wir uns das einzugestehen wagen. Unsere Welt ist nicht heil, auch heute nicht. Und dennoch gilt die alte Zusage des Propheten für jeden, der sich an ihr zu orientieren wagt: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“

Gott geht in die Nacht meines Lebens, dorthin, wo es stockdunkel ist, um die Lasten und Nöte von Menschen zu tragen, um Hoffnung zu wecken, wo Verzweiflung quält, um ein Licht anzuzünden, wo die Finsternis regiert. Er handelt dabei behutsam, liebevoll, aber sehr deutlich für die, die sich seinem Tun öffnen. Da wird eine Ehe wieder lebensfähig, weil Gottes Licht die Verbitterung des betrogenen Ehemanns zu heilen vermag und das Herz zur Vergebungsbereitschaft öffnet. Da lernt ein Kranker seine Not anzunehmen und begreift, dass auch ein krankes Leben in Gottes Augen wertvoll bleibt. Da wird ein fast zerbrochenes Selbstbewusstsein gestärkt, weil ein Hoffnungsschimmer neuen Mut schenkt. Da lernt ein Mensch sein Geld, seine Gaben, seine Zeit mit anderen zu teilen – aus Dankbarkeit. „Über denen, die da wohnen im finsteren Land, scheint es hell.“

Dabei ist es wesentlich zu erkennen, dass dieses helle Licht, von dem der Prophet Jesaja spricht, nicht von uns kommt, auch nicht von unseren Mitmenschen oder von den Mächtigen der Welt. Die Quelle dieses Lichtes liegt allein in dem lebendigen Gott, der seine Welt nicht sich selbst überlassen kann, dessen Liebe ihn zu seinen Menschen zieht, deren Not ihn nicht kalt lässt, im Gegenteil. Weil Gott zu uns kommt, weil sein Licht auf diese Welt kam und an keinem vorübergehen will, darum gibt es Hoffnung, darum gibt es Trost selbst in der trostlosesten Situation. Jesus selbst sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht leben in der Finsternis, er wird das Licht des Lebens haben.“ Weil wir uns diesem Licht bedenkenlos anvertrauen können, kann es in unserem Leben immer wieder hell werden. Wir dürfen heute Gott die Scherben unseres Lebens anvertrauen, brauchen uns dieser Scherben nicht zu schämen. Wenn wir es nur lernen könnten, die dunkelsten und notvollsten Punkte unserer Existenz mit diesem Kind von Bethlehem, mit diesem Mann am Kreuz von Golgatha in Verbindung zu bringen, auf den das alte Prophetenwort hinweist, dann kann für uns heute trotz bisweilen bedrückender Finsternis und Angst neu Mut gewonnen werden, dann kann es für uns zur existentiellen Gewissheit werden: „Welt ging verloren, Christ ist geboren“, ein Hoffnungsfunke mitten in so manchem Dunkel.
 


Kommentare

Von Raymond Schneider-Wihler am .

Herzlichen Dank für die einleitende und überraus vielsagende Geschichte. Alles Liebe und Gott behüte sie.


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