/ Wort zum Tag

3. Mose 22,32

Etwas verärgert stehen die Frauen vor der Kirche des griechischen Bergdorfes. Sie müssen draußen bleiben, trotz der sehenswerten Kunst im Inneren. Ihre Männer werden später erzählen, was es da alles zu entdecken gab. Aber das Schild ist eindeutig, dass ihnen den Zutritt verwehrt: „Dies ist ein heiliger Ort. Betreten Sie ihn nur mit angemessener Kleidung“ - und dazu gehört, dass die Schultern bedeckt sind. Trägerhemdchen schließen vom Kirchgang aus.

Was Protestanten oft unverständlich bleibt, hat doch einen hohen Wert. Die Schwelle zur Kirche markiert den Beginn einer anderen Welt. Hier gelten andere Gesetze, weil man in diesem Raum Gott besonders nahe ist. Man spürt den Unterschied zwischen Himmel und Erde.

Während Christen in manchen kirchlichen Traditionen solche heiligen Orte kennen, wissen Juden um die Heiligkeit von Worten. So wird der Gottesname seit alters her nicht vorgelesen, wenn laut aus der Bibel vorgetragen wird. Statt dem Wort für Gott sagt man "Adonai", Herr. Der Leser stolpert förmlich bei jedem dritten Satz der Bibel über den unaussprechlichen Namen des heiligen Gottes.

Auch im Alltag haben wir manches, was uns heilig ist. „Mein Mittagsschlaf ist mir heilig“, sagt einer. Er weiß, wie wichtig es ist, besondere Zeiten auszusparen vom Alltagstrott. „Die Kette meiner Mutter ist mir heilig“, meint eine Frau noch viele Jahre nachdem die Mutter gestorben ist. Sie verbindet ihre Zuneigung und ihre Liebe zur Mutter mit dem Respekt vor dem Schmuckstück.

Heiliges kann seinen Wert auch verlieren. Wenn die Kette verkauft wird und beim Händler im Schaufenster liegt, ist ihr nichts Heiliges mehr anzumerken. Wenn alle Tage Sonntag oder sieben Tage in der Woche Werktag wäre, dann gäbe es keine heilige Zeit mehr. Wenn die Kirche verkauft und als Wohnhaus genutzt wird, dann verliert das Gebäude seinen Zauber.

In der Bibel ist der Begriff auf Gott selbst beschränkt. Auch das, was Gott gehört, kann heilig genannt werden. Das Land Israel ist zum Beispiel nur dann heilig, wenn es Gott gehört, die Menschen, die Gott gehören, werden Heilige genannt. Es gibt keine wirklich heiligen Orte oder Gegenstände. Heilig ist im Grunde nur Gott. Man sagt auch, Gott sei der ganz Andere. Eine glückliche Formulierung: Der ganz andere unterscheidet sich von der Welt, von den Menschen und Dingen.

Darin sehe ich eine große Ermutigung. Angesichts der Unmenschlichkeit der Menschen: Es gibt einen, der ganz anders ist. Angesichts der zerstörten Schöpfung: Es gibt einen, bei dem alles anders ist. Auch ich selbst mit meinem eigenen Unvermögen habe Hoffnung: Gott ist ganz anders. Er kann, was er will.

Diesen ganz anderen Gott sollen wir nicht klein reden. Weder indem wir ihn verniedlichen, noch ihn zu einem weltfremden Wesen stempeln. Jesus betet mit uns im Vaterunser: "Dein Name werde geheiligt." Diese Heiligung des Gottesnamens wird schon im Alten Testament gefordert, wenn das 3. Buch Moses in Kapitel 22 die warnende Stimme Gottes wiedergibt: „Entheiligt nicht meinen heiligen Namen. Ich bin der Herr, der euch heiligt.“ Wir selbst haben etwas davon, wenn wir Gott respektieren und seine Andersartigkeit achten. Wer einem heiligen Gott vertraut, der wird selbst einen Schutzmantel haben. Die Menschen, die ihr Leben in Gottes Hand wissen, können sicher sein: Er hält seine segnenden Hände über sie. Und seine Heiligkeit macht ihn nicht unnahbar. Im Gegenteil: Gott wird Mensch, damit wir uns vor ihm nicht mehr fürchten müssen.

Der heilige Gott ist weit mehr als alle heiligen Orte und Zeiten, er ist als der ganz Andere für uns da, persönlich liebevoll, wie man an Jesus selbst sehen kann.

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