/ Wort zum Tag

Lukas 5,31

Bibelvers

Jesus sprach: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.

Lukas 5,31

Das Wort zum Tag ist zur Zeit Jesu ein Sprichwort. Es drückt aus, dass ein Arzt sich den Bedürftigen zuwenden darf und muss, wenn er sie heilen will. Genau das will man damals Jesus verwehren. Er sucht die Gemeinschaft mit Ausgegrenzten. Er heilt durch die Gemeinschaft mit ihnen. Er hält es nicht nur mit ihnen aus, sondern versichert ihnen Gottes Heil und Zuwendung ohne Vorbehalte. Allein das lässt sie aufatmen. Risse in ihrem Leben werden als Quellen des Lichts entdeckt.

Wo könnte das heute geschehen? Man spricht heute wieder von heilenden Gottesdienstfeiern. Aber sind sie schon ein Ort, an dem Bedürftigkeit zum Ausdruck kommen kann? Es kommen Menschen, die z. B. durch Schicksalsschläge oder Schuld gezeichnet sind. Sie fühlen sich von Gott und Menschen ausgegrenzt. Wo erfahren sie Gottes Nähe und Annahme? Ich habe erlebt, wie es durch einfache Gesten und Erzählungen möglich wird.

Durch einen Kinderteil in unserem Gottesdienst. Ich war mal wieder dran mit meinem Teddybär. Stefan heißt er. Und ich erzähle den Kindern und der Gemeinde neue Geschichten von Stefan. "Einmal", erzählte ich, "saß Stefan mit einem Tuch über den Kopf in der Ecke in seinem Kinderzimmer." Und zeigte den Kindern den Teddybär mit dem Tuch über den Kopf. Ich fragte Stefan, warum er denn ein Tuch über den Kopf hat. „Keiner soll mich sehen“, antwortete er. „Aber ich sehe dich doch.“ „Nein, niemand soll mich sehen. Ich weine.“ Ich fragte bei Stefan nach, warum ihn niemand sehen soll. Da erzählt er, wie sie ihn im Kindergarten Heulsuse genannt haben und er dadurch tief getroffen war. Ich antwortete ihm: „Aber Kinder dürfen doch weinen. Erwachsene tun das doch auch.“ Stefan schaute hoch: „Neee, das glaub ich nicht. Ich habe dich noch nie weinen gesehen.“ „Ja“, sagte ich, „ist ja auch schwer. Kein Erwachsener weint gerne. Schon gar nicht öffentlich.“ An dieser Stelle erzählte ich Stefan, dass Volkstrauertag sei und manche Menschen im Gottesdienst an einen lieben Menschen denken, der gestorben sei. Und Stefan fragte erstaunt: „Weinen die dann auch hier in der Kirche?“ „Mmh“, antwortete ich, „weiß ich nicht. Aber es wäre schon möglich. Denn hier ist ja auch Gott. Und Gott versteht sie, wenn sie traurig sind und weinen. Vielleicht tröstet er sie wie eine Mutter oder ein Vater tröstet.“ „Das wär’ schön“, hat Stefan gesagt, „dann ist es ja gut.“ Und hat sein Tuch vom Kopf abgezogen, hielt es mir hin und sagte dabei: „Kannst das Tuch ja einem aus der Kirche abgeben.“

Ich habe mich dann mit dem Tuch in der Hand der Gemeinde zugewandt und gefragt: „Ist jemand hier, der so ein Tuch braucht?“ Ein Lächeln geht durch die Gemeinde. In diesem Lächeln verbindet sich etwas von Wohlwollen, Berührt-Sein, Aufgeschlossen-Sein, Sehnsucht. Erwachsene erahnen ihre eigene Bedürftigkeit und vielleicht auch die des anderen. Ich hatte den Eindruck, jetzt!, jetzt wäre es möglich, dass einer das Tuch nimmt, weil er sich seiner Tränen nicht schämt, nicht mehr schämen braucht. Weil eine einfache Kindergeschichte für die Wirklichkeit der heilenden Nähe Jesu aufgeschlossen hat.

Nein, niemand hat das Tuch genommen. Später erzählte mir jemand, dass er neben einem Menschen gesessen hätte, von dem er wusste, der hadert und leidet im Moment unter seinem Schicksal. Er hatte sich ihm zugewandt und gesagt: „Du könntest doch jetzt so ein Tuch gebrauchen.“ Und der hat nur genickt mit Tränen in den Augen. Eine einfache Geschichte, eine einfache Geste, und ein Bedürftiger erfährt: Ich bin gesehen von meinem Gott.

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