/ Lied der Woche

Matthias Claudius: Geburtstagslied

Im dritten Teil seiner Gesammelten Werke findet sich von Matthias Claudius ein Text „an Andres wegen den Geburtstägen im August 1777.“ Andres – das ist Matthias Claudius selbst, aber er hat sich den Vetter mit diesem Namen ausgedacht, der ihm fortan als Adressat von vielen Briefen und Erörterungen dient. Andres also erfährt im Brief von einem besonderen Geburtstag.

Mein lieber Andres, wir haben einen recht lustigen Tag gehabt. Du weißt wohl, ich habe vieles nicht, aber ’n Geburtstag hab ich doch, und der ist gefeiert worden. Mein Vetter stellte vier Gevattern und Freunden, die alle im August geboren sind, zu Ehren ein Fest an, und da war er so gratiös, meinen Geburtstag mit einzuschliessen. »Denn, sagt er, Ihr seid doch mein »lieber Vetter.« Wir feierten also die fünf Geburtstäge. Merk’ aber, wie wir ihm täten.

Des Morgens, vor Sonnenaufgang, las ich ein Capitel in der Bibel; legte drauf meine rote Weste an, die ich in Japan bei der Audienz anhatte, und sah darin die Sonne aufgehen, und weckte denn alle Leut’ im Hause. Eine Stunde drauf feur’t ich ein Pistolenschuss los. Ich habe die Pistole noch von meinen Reisen mitbracht, und sie knallt gut, wenn sie recht geladen ist; diesmal war aber durch ’n Versehn das meiste auf die Pfanne gekommen. Nachdem nun solchermaßen dem Publiko war kund getan worden, was den Tag werden sollte, waren wir einige Stunden ganz stille, den Effekt davon abzuwarten; doch wuschen wir uns während der Zeit alle im klaren Bache das Gesicht, damit es recht fröhlich aussehe, und gingen ’n kleines am Bach auf und nieder. Um sieben Uhr ward ’n Signal gegeben, dass das Frühstück parat sei; und wir züngelten ’n wenig, und nach dem Frühstück ging ’s Glückwünschen an.

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